Kreml-Kriegstreiber Wladimir Putin gerät zunehmend unter Druck: Die eigenen Verluste steigen immer weiter. Seit Dezember werden an der Front werden mehr Soldaten getötet oder verwundet, als neue Kämpfer angeworben werden können. Gleichzeitig treffen ukrainische Drohnen Raffinerien und wichtige Infrastruktur tief im russischen Hinterland – selbst die Hauptstadt Moskau ist nicht mehr sicher.
Rund 20 russische Raffinerien sollen ganz oder teilweise außer Betrieb sein. Schätzungen zufolge könnte etwa ein Drittel der gesamten Raffineriekapazität betroffen. Luftabwehrsysteme sind Mangelware, was den Kreml immer häufiger folgenschwere Entscheidungen zwingt: Sollen sie die Front, die Krim oder doch wichtige Infrastruktur innerhalb Russlands schützen.
Klar ist: Der Krieg läuft schon lange nicht mehr so, wie es sich Putin das im Februar 2022 vorgestellt hat. Von einer militärischen Wende zugunsten der Ukraine will der österreichische Militärexperte Franz-Stefan Gady aber noch nicht sprechen.
Die ukrainischen Streitkräfte seien zwar besser organisiert als noch vor einem Jahr, und mit ihren Drohnen derzeit im Vorteil. Russland verfügt jedoch weiterhin über eine zahlenmäßige Überlegenheit und rückt im Süden stellenweise vor.
An Putins grundsätzlichen Kriegszielen hat sich bisher nichts geändert. "Russlands Minimalziel ist nach wie vor die Eroberung des restlichen Donbass". Mit dem derzeitigen Frontverlauf dürfte sich der Kremlchef daher kaum zufriedengeben, betont Gady in Beiträgen im "Kurier" und der "Neuen Vorarlberger Tageszeitung" am Wochenende.
„Moskau ist gezwungen, sich zu entscheiden: Schützen wir die Front oder unsere Infrastruktur innerhalb des Landes?“Franz-Stefan Gadyüber den Erfolg der ukrainischen Luftkampagne
Allerdings würden dem Kriegstreiber langsam die Optionen ausgehen, seine Ziele noch zu erreichen. Gady sieht für Russland grundsätzlich zwei Wege: "Grob zusammengefasst kann Russland militärisch weiter eskalieren oder letztlich einlenken und mit Kyjiw in Gespräche über einen Waffenstillstand treten."
Derzeit deute allerdings wenig darauf hin, dass Putin tatsächlich einlenken will. "Im Moment gibt es keine Zeichen für Letzteres und mehrere Zeichen für Ersteres, obwohl keine der Eskalationsvarianten für Russland erfolgversprechend sein wird."
Die wahrscheinlichste Möglichkeit ist eine weitere Verschärfung des russischen Luftkriegs. Moskau greift bereits gezielt die ukrainische Rüstungsindustrie, Energieanlagen und Städte an. Besonders problematisch ist der Mangel an ukrainischen Abfangraketen gegen ballistische Raketen.
In der Nacht auf den 6. Juli feuerte Russland laut Gady mehr als 400 Drohnen und Raketen auf die Ukraine ab. Darunter waren 29 ballistische Raketen. Keine einzige davon konnte abgefangen werden. Allein in Kyjiw und der Umgebung kamen mehr als 20 Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt.
Putin könnte versuchen, diesen Druck in den kommenden Monaten massiv zu erhöhen. Das Ziel wäre, Kraftwerke, Heizsysteme und andere wichtige Infrastruktur vor dem Winter zu zerstören.
Gady erwartet genau dieses Vorgehen: "Vor allem mit den gesteigerten Luftangriffen wird er versuchen, so viel Infrastruktur zu zerstören, dass die Kälte des Winters 2026/27 die Ukraine zum Einlenken zwingt."
Für die Ukraine bedeutet das, dass sie nicht nur russische Raketen abfangen muss. Sie wird auch verstärkt Abschussanlagen, Flugplätze und Produktionsstätten für ballistische Raketen angreifen müssen.
Eine weitere Möglichkeit wäre eine großangelegte Mobilisierung nach den russischen Duma-Wahlen. Zusätzliche Soldaten könnten Moskau vor allem bei Kämpfen in Städten einen Vorteil bringen. "Quantität hat irgendwann eine eigene Qualität", erklärt Gady.
Doch eine solche Mobilisierung wäre für Putin politisch riskant. Bisher konnte der Kreml die Bewohner großer Städte wie Moskau oder St. Petersburg weitgehend vom Krieg abschirmen. Viele Soldaten kommen aus ärmeren und abgelegenen Regionen.
Eine neue Mobilisierungswelle würde diesen Schutzwall durchbrechen. Putin müsste auch in den urbanen Machtzentren deutlich mehr Männer einziehen. Das könnte Proteste, Fluchtbewegungen und Unruhe auslösen.
„Durch die Drohnenattacken ist das Verwundeten-Toten-Verhältnis auf 1:1 gesunken, die Verluste sind riesig.“Franz-Stefan Gadyüber die russische Armee
Militärisch wäre der Effekt zudem begrenzt. Mehr Soldaten würden Russland zwar zusätzliche Masse bringen. Den ukrainischen Vorsprung bei Drohnen und unbemannten Systemen könnte Moskau damit aber nicht automatisch aufholen. "Auch eine Mobilisierungswelle wird den Ukrainern nicht den Vorteil in der unbemannten Kriegsführung nehmen können", sagt Gady.
"Die [russischen] Streitkräfte müssten für Erfolge wachsen, nun haben sie aber seit einem halben Jahr mehr Verluste als Neurekrutierungen. Durch die Drohnenattacken ist das Verwundeten-Toten-Verhältnis zudem auf 1:1 gesunken, die Verluste sind riesig."
Putin könnte außerdem erneut mit Atomwaffen drohen. Der Kreml hat seit Beginn des Krieges immer wieder versucht, westliche Regierungen durch nukleare Warnungen einzuschüchtern und von weiterer Unterstützung für die Ukraine abzuhalten. Gady warnt davor, solche Aussagen auf die leichte Schulter zu nehmen. Gleichzeitig hätten die ständigen Drohungen "einen Teil ihres Schreckens eingebüßt".
Ein tatsächlicher Einsatz von Atomwaffen wäre für Russland mit enormen politischen und militärischen Risiken verbunden. Auch Staaten, die Moskau bisher nicht offen verurteilen, könnten sich abwenden. Zudem würde ein Atomschlag nicht automatisch zu einem russischen Sieg führen.
Wahrscheinlicher ist daher, dass Putin die nukleare Drohkulisse weiter verwendet, ohne die letzte Schwelle zu überschreiten. Die Angst vor einer Eskalation soll den Westen bremsen und die Unterstützung für Kyjiw schwächen.
Die gefährlichste Variante wäre eine Ausweitung des Krieges auf NATO-Gebiet. Ein offener russischer Angriff auf einen NATO-Staat würde allerdings das Risiko eines direkten Krieges mit dem gesamten Bündnis bedeuten. Gady hält dieses Szenario deshalb für äußerst unwahrscheinlich: "Einen Angriff auf ein NATO-Land schließe ich nahezu aus."
„Er ist kein Meisterstratege, er zeigt bei schwierigen Situationen beinahe Lähmungserscheinungen“Franz-Stefan Gadyüber Wladimir Putin
Wahrscheinlicher sind weitere verdeckte Aktionen. Dazu könnten Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation oder Anschläge auf Infrastruktur gehören. Russland könnte dadurch Unsicherheit erzeugen, ohne offiziell einen Krieg mit der NATO zu beginnen. Allerdings: "Auch eine Ausweitung russischer Sabotageaktionen und verdeckter Operationen in Europa wird nicht dafür sorgen, dass Europa seine Unterstützung für die Ukraine aufgibt."
Putins Problem ist, dass keine der vier Möglichkeiten einen schnellen militärischen Erfolg verspricht. Mehr Soldaten lösen die russischen Probleme mit Drohnen nicht. Atomdrohungen verlieren an Wirkung. Ein Angriff auf die NATO wäre extrem riskant. Und auch massive Luftangriffe könnten den ukrainischen Widerstand nicht brechen.
Trotzdem ist laut Gady nicht damit zu rechnen, dass Putin bald freiwillig aufgibt: "Der Kreml lernt, dass es leichter ist, einen Krieg zu beginnen, als ihn zu beenden. Putin steht im fünften Jahr mit dem Rücken zur Wand. Das macht ihn unberechenbarer und gefährlicher."
Allerdings sei der Kreml-Kriegstreiber sei kein Meisterstratege, betont der Austro-Analyst mit Blick auf seine früheren Krisenreaktionen: "Er zeigt bei schwierigen Situationen beinahe Lähmungserscheinungen". Putin neige vielmehr dazu, sich zurückzuziehen, Entwicklungen laufen zu lassen und erst spät zu reagieren. Am wahrscheinlichsten ist für Gady deshalb keine einzelne große Entscheidung, sondern eine schrittweise Verschärfung des bisherigen Kurses.
„Auch Russland geht langsam die Zeit aus, eine militärische Entscheidung zu erzwingen“Franz-Stefan Gadyüber die Kosten von Putins Krieg
Und wann endet es? Gady hält einen vorübergehenden Waffenstillstand inzwischen zwar für realistischer als noch vor einigen Monaten, eine tatsächliche diplomatische Lösung würde der Kreml aber erst suchen, wenn die Kosten-Nutzen-Rechnung dieses Krieges für die Elite in Moskau nicht mehr aufgeht. Erst dann, würde sich Putin an den Verhandlungstisch setzen, um dort zu fordern, was er militärisch nicht erreichen konnte.
Der russische Machthaber setzt somit offenbar weiter auf Zeit. Doch genau die läuft auch für Russland langsam ab. Gady ist sich sicher: "Im Herbst wird sich einiges entscheiden!"