Hyundai und Kia arbeiten an einer Technik, die Autos einen echten "Röntgenblick" verleihen soll: Mit einem neuen Sicherheitssystem namens Vision Pulse sollen Fahrzeuge künftig Hindernisse und Menschen erkennen, selbst wenn diese hinter Mauern, parkenden Autos oder um die nächste Kurve herum versteckt sind – und das nicht mit klassischen Kameras oder Radar.
Bei Vision Pulse handelt es sich um ein Assistenzsystem, das auf dem sogenannten Ultrabreitband-Funk (UWB) basiert. Das ist eine moderne Funktechnik, die extrem schnell und präzise Daten über sehr kurze Distanzen übertragen kann. Schon heute steckt UWB in vielen Smartphones und digitalen Autoschlüsseln.
Und genau diese Funksignale nutzt Vision Pulse: Kleine UWB-Module im Fahrzeug senden kontinuierlich Signale aus. Befindet sich ein anderes UWB-fähiges Gerät in der Nähe – etwa ein anderes Auto, ein Fahrrad mit Tracker oder ein Fußgänger mit Smartphone oder Smartwatch – messen die Fahrzeuge, wie lange die Signale hin und zurück brauchen und berechnen daraus die exakte Position des Objekts. So können Gefahren im Bruchteil einer Sekunde erkannt werden, bevor sie – womöglich zu spät – für den Fahrer tatsächlich sichtbar sind.
Das Ergebnis wirkt fast wie ein "Röntgenblick": Vision Pulse kann andere Verkehrsteilnehmer im Umkreis von bis zu 100 Metern mit einer Genauigkeit von rund zehn Zentimetern orten. Selbst in engen Straßen, bei Dunkelheit oder schlechtem Wetter funktioniert das System, und das in Echtzeit mit extrem kurzen Reaktionszeiten von nur ein bis fünf Millisekunden. Damit soll die Technik klassische Totwinkel- oder Kollisionswarner ergänzen oder in manchen Fällen sogar ersetzen, weil UWB-Funk Signale um Hindernisse herum "beugen" und durch sie hindurchgehen kann – etwas, das etwa optische Kameras nicht leisten können.
In einfachen Worten ist UWB im Auto also eine Art ultraschneller, sehr präziser Funk-Radarersatz: Statt auf Licht oder Radarwellen zu vertrauen, "fragt" das System über Funk, was in der Nähe ist, und kann so etwa ein Kind orten, das zwischen Autos hervorläuft oder ein Fahrrad, das sich im toten Winkel befindet.
Voraussetzung ist allerdings, dass die zu erkennenden Personen oder Objekte ein UWB-fähiges Gerät bei sich tragen – ein Smartphone, eine Smartwatch oder ein spezieller Tracker. Allerdings sind entsprechende UWB-Module in neueren Geräten von Apple, Samsung und Google bereits verbaut. Auch typische Tracker wie Apples AirTags setzen auf diese Technologie.
Hyundai und Kia testen Vision Pulse bereits in realen Umgebungen, etwa auf dem Werksgelände oder im Hafen von Busan, Südkorea. Mögliche Anwendungen sehen die Unternehmen dabei nicht nur im Straßenverkehr, sondern auch in der Industrie oder sogar bei Rettungseinsätzen, wo Menschen unter Trümmern lokalisiert werden könnten. Ob und wann diese Technologie in Serienautos kommt, ist allerdings noch offen.