Das nördliche Waldviertel entwickelt sich offenbar zu einem der wichtigsten Rückzugsorte für seltene Großvögel in ganz Österreich. Neue Bestandsdaten zeigen dort außergewöhnlich hohe Zahlen bei Kornweihe, Wiesenweihe, Seeadler, Schwarzstorch, Rotmilan, Rohrweihe und Kranich.
Besonders auffällig ist die Lage bei der Kornweihe. Im Waldviertel wurden zuletzt 37 bis 38 Brutpaare festgestellt. Damit befindet sich dort nahezu der gesamte österreichische Brutbestand. Das nordöstliche Waldviertel gilt laut aktuellem Großvogel-Monitoring sogar als bedeutendstes Kornweihen-Brutgebiet Mitteleuropas.
Auch bei der Wiesenweihe spielt die Region eine zentrale Rolle. Rund 80 bis 90 Prozent des österreichischen Bestandes sollen im nördlichen Waldviertel brüten. Bei der Rohrweihe werden für das gesamte Waldviertel 128 bis 159 Paare geschätzt – rund ein Drittel des österreichischen Bestandes.
Auch beim Seeadler stechen die Zahlen hervor. Von 123 in Österreich erfassten revierhaltenden Paaren wurden 67 im Waldviertel festgestellt. Beim Rotmilan werden 51 bis 82 Brutpaare angenommen, beim Schwarzstorch 22 bis 48 Paare.
Eine Besonderheit gibt es beim Kranich: Im Waldviertel wurden sieben Reviere bestätigt, der Brutbestand wird auf fünf bis sieben Paare geschätzt. Nach den vorliegenden Daten befinden sich damit die derzeit einzigen bekannten österreichischen Kranichvorkommen in dieser Region.
Doch genau hier sehen Umweltschützer ein Problem. Laut Umweltorganisation Pro Thayatal sind derzeit nur 6,54 Prozent des nördlichen Waldviertels als Natura-2000-Vogelschutzgebiet ausgewiesen. Große Teile der bedeutenden Vogelbestände würden damit außerhalb bestehender Schutzgebiete liegen.
Zusätzlichen Zündstoff liefert der Ausbau der Windkraft. Das aktuelle Großvogel-Monitoring weist laut Pro Thayatal in Teilen des nördlichen und nordöstlichen Waldviertels hohe bis sehr hohe Empfindlichkeiten geschützter Vogelarten gegenüber Windkraftanlagen aus.
Trotzdem wurden 2024 im Zuge einer Änderung des Raumordnungsprogramms weitere Windkraftzonen im Waldviertel ausgewiesen.
Die Umweltorganisation fordert deshalb, die neuen Bestandsdaten bei künftigen Entscheidungen über Windkraftstandorte zu berücksichtigen. Außerdem müsse geprüft werden, ob bestehende Vogelschutzgebiete erweitert oder zusätzliche Flächen unter Schutz gestellt werden.