Fast jeder Mensch hat Dinge, die er niemandem erzählt. Eine neue Studie der Universität Melbourne (Australien) zeigt nun, wie viele Geheimnisse Menschen tatsächlich mit sich tragen – und wie sehr sie den Alltag und das Wohlbefinden beeinflussen können.
Forscher gehen davon aus, dass der Durchschnittsmensch etwa fünf Geheimnisse hat, die er noch nie jemandem erzählt hat. In der neuen Untersuchung zeigte sich jedoch: Viele Menschen haben sogar rund neun "mäßig bedeutende" Geheimnisse, die sie belasten können. Denn Geheimnisse betreffen nicht nur diejenigen, die außen vor bleiben. Auch für die Person, die sie hütet, können sie zur Belastung werden – teilweise sogar mit Angstzuständen oder depressiven Symptomen.
Um herauszufinden, wie Geheimnisse das tägliche Leben beeinflussen, untersuchten Psychologen der Universität Melbourne 240 Freiwillige. Die Teilnehmer führten über zwei Wochen hinweg Tagebuch und beantworteten insgesamt 2.764 tägliche Umfragen zu ihren Gedanken und Gefühlen.
Das Ergebnis: Die Gedanken der Menschen schweifen häufig spontan zu ihren Geheimnissen ab, ohne dass sie bewusst darüber nachdenken wollen.
"Geheimnisse beschäftigen Menschen mehr, als sie in Gesprächen zurückhalten", schreiben die Autoren der Studie. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass solche Gedankensprünge deutlich häufiger auftreten als das aktive Verbergen eines Geheimnisses vor anderen.
Allerdings weisen die Forscher darauf hin, dass die Zahlen nicht unbedingt auf die gesamte Bevölkerung übertragbar sind. Für die Teilnahme an der Studie mussten die Freiwilligen mindestens ein aktuelles Geheimnis haben. Daher könnte es auch viele Menschen geben, die gar keine Geheimnisse mit sich tragen.
Besonders interessant war für die Wissenschaftler, wie Menschen über ihre Geheimnisse nachdenken. Wenn Gedanken spontan zu einem Geheimnis abschweiften, waren sie häufig mit Sorgen und negativen Gefühlen verbunden. Wer dagegen bewusst über sein Geheimnis nachdachte, empfand teilweise weniger Stress.
Einige Teilnehmer nutzten solche Gedanken sogar, um zu fantasieren oder zu träumen, was eher mit positiven Gefühlen verbunden war. Wenn Menschen jedoch über die Bedeutung oder mögliche Folgen eines Geheimnisses grübelten, konnten dabei ebenfalls negative Emotionen entstehen – selbst wenn dieser Prozess langfristig helfen könnte, eine Lösung zu finden.
Die Forscher vermuten daher, dass Geheimnisse einen Teufelskreis aus negativen Gedanken und Emotionen auslösen können. Gleichzeitig könnte ein bewusster Umgang mit ihnen dabei helfen, diese Spirale zu durchbrechen.
Die Wissenschaftler wollen künftig untersuchen, ob es für Menschen hilfreich sein könnte, ihre Geheimnisse gezielt zu reflektieren – etwa im Gespräch mit einer Vertrauensperson oder einem Therapeuten.