Spiele-Test

"The Mysterious Book" – Yoshi macht fast alles anders

Nintendo macht aus "Yoshi and the Mysterious Book" kein klassisches Jump’n’Run mehr. Das sorgt für frische Ideen und eine märchenhafte Optik.
Rene Findenig
19.05.2026, 17:31
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Mit "Yoshi and the Mysterious Book" versucht Nintendo auf der Nintendo Switch 2 etwas, das man von der Reihe lange nicht mehr gesehen hat: echte Veränderung. Wer ein klassisches "Yoshi"-Spiel erwartet, bekommt hier nur teilweise das, was die Serie früher ausgezeichnet hat. Statt präziser Sprungpassagen, hektischer Fluchtsequenzen und ständigem Eierwerfen dreht sich dieses Mal fast alles um Beobachtung, Neugier und kleine Experimente. Das klingt zuerst wie ein Kinderkonzept. Tatsächlich steckt dahinter aber eines der ungewöhnlichsten Nintendo-Spiele der vergangenen Jahre. Nintendo nimmt Tempo raus, das tut der Reihe überraschend gut. Yoshi springt nicht einfach durch Level, um ein Ziel zu erreichen, sondern zum Entdecken.

Die Geschichte ist dagegen wieder einmal sehr schnell erklärt. Ein sprechendes Buch namens Enzo, kurz für Herr Enzyklopädie, landet auf Yoshis Insel. Der Band mit Schnurrbart hat sein Gedächtnis verloren und weiß nicht mehr, welche Kreaturen in seinen eigenen Seiten leben. Also springt Yoshi Kapitel für Kapitel in das Buch hinein, untersucht die Umgebung und versucht herauszufinden, wie die Wesen dort funktionieren. Das Spiel erklärt diesen Ablauf unkompliziert. Du läufst mit der Yoshi-Spielfigur durch kleine Gebiete, beobachtest Tiere und Fantasiewesen, schleckst sie mit der Zunge auf, wirfst Eier, springst auf Köpfe oder trägst Kreaturen auf dem Rücken herum. Viele Wesen reagieren unterschiedlich auf diese Aktionen.

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Nintendo gibt uns dauernde kleine Überraschungen

Manche der Wesen graben Tunnel, andere schweben durch die Luft, wieder andere verändern Pflanzen, lösen Mechanismen aus oder reagieren auf Wasser und Schlamm. Das Ziel ist nicht, Gegner zu besiegen, sondern Entdeckung. Genau hier trennt sich das Spiel von früheren "Yoshi"-Abenteuern. Wer etwa mit "Yoshi’s Island" oder "Yoshi’s Woolly World" groß geworden ist, wird sich umgewöhnen müssen. "Yoshi and the Mysterious Book" interessiert sich kaum für klassische Plattforming-Herausforderungen. Es gibt keine ständigen Abgründe, stressigen Timer und langen Gegnerwellen. Teilweise wirkt das Spiel fast wie ein interaktives Bilderbuch mit Jump’n’Run-Elementen. Das bedeutet aber nicht, dass gar keine Ideen dahinterstecken.

Im Gegenteil! Nintendo und das Studio Good-Feel bombardieren dich ständig mit neuen Mechaniken. Fast jedes Gebiet führt eine neue Kreatur ein, die eigene Eigenschaften besitzt. Ein Wesen kann etwa als Boomerang verwendet werden, ein anderes dient als Gleiter, wieder ein anderes gräbt sich durch Felsen. Dadurch verändert sich ständig, wie du dich durch die Umgebung bewegst. Gerade in den ersten Stunden funktioniert das hervorragend. Das Spiel schafft, was Nintendo seit Jahren besonders gut beherrscht: dauernde kleine Überraschungen. Kaum glaubst du zu verstehen, wie ein Abschnitt funktioniert, kommt schon die nächste Idee um die Ecke. Dabei hilft auch die Struktur der Kapitel.

Statt Action gibt es Abwechslung und Sammelmotivation

Die Welten sind keine simplen linearen Level. Stattdessen wirken sie wie kleine Spielplätze voller versteckter Interaktionen. Hinter einem Busch steckt plötzlich eine neue Kreatur. Ein harmloser Stein öffnet vielleicht einen geheimen Weg. Ein Tier reagiert anders, wenn du es nicht verschluckst, sondern mit dem Schwanz anstupst. Auffällig ist, wie entspannt das Spieltempo bleibt. Nintendo verzichtet fast komplett auf Druck. Yoshi stirbt praktisch nie klassisch, statt Niederlagen steht reines Ausprobieren im Mittelpunkt. Das wird manchen Spielern gefallen. Andere werden genau daran verzweifeln. Denn die fehlende Gefahr nimmt vielen Situationen auch Spannung weg, passt aber gut zu Nintendos neuer "Cozy-Game-Welle".

Nintendo versucht, das Fehlen von Action mit Sammelmotivation auszugleichen. Für jede entdeckte Reaktion, jedes untersuchte Wesen und jedes kleine Geheimnis füllt sich das mysteriöse Buch weiter. Du sammelst Informationen über Kreaturen und kannst ihnen teilweise sogar eigene Namen geben. Dadurch entsteht ein Mix aus Jump’n’Run, Puzzle und Forschung. Die Idee ist originell, allerdings nicht immer konsequent umgesetzt. Einige richtig spaßige Mechaniken tauchen nur kurz auf, dann sind sie wieder verschwunden. Das sorgt jedoch wiederum dafür, dass selten Langeweile entsteht. Aber: Einige Mechaniken sind so süß und spannend umgesetzt, dass sie problemlos ein ganzes Spiel hätten tragen können.

Entspannend, ruhig und manchmal fast schon meditativ

Optisch gehört "Yoshi and the Mysterious Book" zu den auffälligsten Nintendo-Spielen auf der Switch 2. Good-Feel bleibt seiner Bastel-Optik treu, geht aber noch stärker in Richtung Bilderbuch. Viele Oberflächen wirken wie Papier, Karton oder Stoff. Hintergründe sehen teilweise aus wie handgemalte Illustrationen. Gleichzeitig arbeitet das Spiel auffällig viel mit Tiefenschärfe und mehreren Ebenen innerhalb der Buchseiten. Dadurch entsteht tatsächlich der Eindruck, als würde Yoshi durch ein lebendiges Pop-up-Buch laufen. Die Nintendo Switch 2 hilft dem Spiel dabei sichtbar – mit stabilen Bildraten, vielen Spielwelt-Animationen und schärferen Umgebungen als bei früheren "Yoshi"-Spielen auf der ursprünglichen Switch.

Positiv fällt auch auf, wie angenehm das Spiel mit seinem eigenen Tempo umgeht. Viele moderne Spiele bombardieren Spieler pausenlos mit Markierungen, Aufgabenlisten und Hinweisen. "Yoshi and the Mysterious Book" bleibt deutlich ruhiger. Du bekommst Freiraum zum Beobachten. Oft reicht ein kleiner Blick in die Umgebung, um eine Lösung zu finden. Das Spiel vertraut darauf, dass Spieler neugierig genug sind, selbst Dinge auszuprobieren. Gerade deshalb funktioniert die Atmosphäre überraschend gut. Obwohl die Geschichte simpel bleibt, entwickelt das Abenteuer einen eigenen Rhythmus mit fast meditativen Momenten. Das kennt man von Nintendo sonst eher selten. Auch musikalisch bleibt das Spiel eher zurückhaltend.

Als würde jemand direkt in einem Märchenbuch blättern

Die Musik drängt sich kaum auf. Statt großer orchestraler Stücke dominieren ruhige, verspielte Melodien. Das passt zwar hervorragend zur entspannten Stimmung, sorgt aber auch dafür, dass kaum ein Musikstück wirklich lange im Gedächtnis bleibt. Nintendo versucht hier sichtbar etwas anderes. Während viele große Produktionen ständig größer, hektischer und komplizierter werden, konzentriert sich "Yoshi and the Mysterious Book" auf kleine Interaktionen und ruhige Erkundung. Genau darin liegt seine Stärke. Szenen leben nicht von spektakulären Effekten, sondern von visuellen Ideen. Eine Buchseite blättert um und wird zur Plattform. Papierfiguren klappen wie Origami auf. Hintergründe ändern sich, als würde jemand direkt im Buch blättern.

Interessant ist außerdem, wie wenig sich das Abenteuer für klassische Genre-Regeln interessiert. In vielen Jump’n’Runs geht es um Präzision und Geschwindigkeit. Hier dagegen zählt Aufmerksamkeit. Teilweise erinnert das Spiel fast an ein interaktives Kinderbuch oder an experimentelle Indie-Titel. Nintendo traut sich damit etwas, das bei großen Marken eher selten geworden ist: ein bewusst langsames Spiel ohne ständige Action. Die stärksten Momente entstehen oft ungeplant. Du wirfst zufällig ein Ei auf eine Kreatur und plötzlich verändert sich die gesamte Umgebung. Oder ein Tier reagiertg anders als erwartet und öffnet einen geheimen Bereich. In solchen Szenen entsteht tatsächlich dieses seltene Gefühl echter Entdeckung.

"The Mysterious Book" – Yoshi macht fast alles anders

Die Dialoge sind einfach, fast kindlich. Gleichzeitig steckt hinter Ideen genug Kreativität, damit ältere Spieler zumindest neugierig bleiben. Dadurch entsteht ein Abenteuer, das sympathisch wirkt, aber selten nachhaltig beeindruckt. Genau hier liegt vermutlich auch der größte Unterschied zu Nintendos stärksten Spielen. Titel wie "Super Mario Odyssey" oder "The Legend of Zelda: Tears of the Kingdom" überraschten ständig mit Mechaniken, die sich immer weiter entwickelten. "Yoshi and the Mysterious Book" zeigt zwar ebenfalls viele Ideen, vertieft sie aber kaum. Das heißt aber nicht, dass das Spiel ideenlos wäre. Im Gegenteil. Wahrscheinlich gibt es aktuell kaum ein Nintendo-Spiel, das so viele kleine kreative Einfälle pro Stunde liefert.

Nintendo springt von Idee zu Idee, ohne viele davon wirklich auszureizen. Trotzdem bleibt ein positiver Gesamteindruck zurück. In einer Zeit, in der viele große Produktionen immer ähnlicher wirken, fühlt sich "Yoshi and the Mysterious Book" zumindest unverwechselbar an. Für Nintendo könnte das langfristig sogar wichtiger sein als perfekte Wertungen. Die Firma zeigt hier erneut, dass sie bereit ist, bekannte Marken umzubauen, statt einfach nur alte Konzepte zu wiederholen. Nicht jeder Versuch funktioniert komplett. Aber genau solche Experimente sorgen oft dafür, dass Nintendo-Spiele im Gedächtnis bleiben. "Yoshi and the Mysterious Book" schafft etwas, das vielen modernen Spielen verloren gegangen ist: echte Verspieltheit.

{title && {title} } rfi, {title && {title} } 19.05.2026, 17:31
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