Solche Worte hört man im Fernsehen selten! Nach dem politischen Machtwechsel in Serbien erschüttert eine Rücktrittswelle die öffentlich-rechtlichen Sender des Landes. Führungskräfte müssen ihre Posten räumen. Ein Nachrichtensprecher ging sogar so weit, sich im laufenden Programm bei den Zusehern für die eigene Berichterstattung zu entschuldigen.
Auslöser ist der historische Wahlsieg der oppositionellen Studentenbewegung am Sonntag (25. Oktober). Nach 14 Jahren politischer Dominanz von Aleksandar Vučić steht Serbien vor einem Neuanfang – und mit ihm die staatlich finanzierten Medien.
Besonders bemerkenswert waren die Szenen am Montag um 17 Uhr beim Sender RTV. Statt wie gewohnt die Nachrichten zu präsentieren, zeigte der Moderator Goran Eror zunächst Aufnahmen jubelnder Menschen in Novi Sad. Es waren Bilder der Wahlfeiern, die der Sender seinen Zusehern in der Nacht zuvor schuldig geblieben sei, erklärte er.
Danach folgte eine ungewöhnlich offene Abrechnung mit der eigenen Redaktion. "Der öffentlich-rechtliche Sender hat seine Aufgabe viele Jahre lang nicht erfüllt", verlas Eror in der Nachrichtensendung. Ereignisse seien verschwiegen, Informationen einseitig präsentiert und Vorgänge ohne ausreichende Kritik begleitet worden. Die richtigen Fragen seien entweder nicht gestellt worden – oder überhaupt keine. "Deshalb schulden wir unseren Zusehern eine Entschuldigung."
Der Moderator erinnerte auch an jene Mitarbeiter, die sich innerhalb des Senders seit Langem für unabhängigen Journalismus eingesetzt hatten. "Leider haben wir diesen Kampf nicht rechtzeitig gewonnen. Aber wir glauben, dass es wichtig ist, ihn zu führen", erklärte Eror.
Zum Abschluss der ungewöhnlichen Eröffnung kündigte er einen Neuanfang an: Der Sender stehe erst am Beginn des Weges, das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederzugewinnen. Die bemerkenswerte Entschuldigung verbreitete sich rasch über Serbien hinaus. Auch internationale Persönlichkeiten teilten Ausschnitte der Sendung.
Für österreichische Zuseher lässt sich das serbische Mediensystem am ehesten mit dem ORF vergleichen – allerdings gibt es in Serbien zwei eigenständige öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten.
RTS (Radio-televizija Srbije) ist der landesweite öffentlich-rechtliche Rundfunk mit Sitz in Belgrad. Er betreibt Fernseh- und Radioprogramme für ganz Serbien und hat eine besonders große Reichweite.
RTV (Radio-televizija Vojvodine) ist dagegen der öffentlich-rechtliche Rundfunk der nordserbischen Provinz Vojvodina mit Zentrum in Novi Sad. Er berichtet über regionale Themen und sendet auch in den Sprachen verschiedener Bevölkerungsgruppen.
Beide Anstalten sind öffentlich-rechtlich organisiert und werden unter anderem über Rundfunkgebühren finanziert.
Unter dem bisherigen Machthaber Aleksandar Vučić wurde insbesondere RTS immer wieder wegen seiner regierungsfreundlichen Berichterstattung kritisiert.
Oppositionelle und regierungskritische Stimmen waren nach Einschätzung von Medienbeobachtern deutlich unterrepräsentiert. Die Sender galten vielen Kritikern als wichtige Stützen des bisherigen politischen Systems.
Bei RTV protestierten Mitarbeiter schon seit Jahren gegen die Ausrichtung der Nachrichten. Die Gewerkschaft Nezavisnost warf der Führung vor, die Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks beschädigt zu haben. Damit erklärt sich auch, warum der politische Umbruch nun unmittelbar in den Redaktionen spürbar wird.
Am Mittwoch wurde schließlich der Rücktritt von Manja Grčić bekannt. Sie hatte erst im Februar 2026 die Leitung des landesweiten Senders RTS übernommen und zuvor für regierungsnahe Medien gearbeitet.
In ihrem Rücktrittsschreiben erklärte Grčić, sie habe einen geordneten Übergang ermöglichen wollen. "Mir ist jedoch bewusst, dass ein Teil der Öffentlichkeit selbst meinen vorübergehenden Verbleib im Amt als Hindernis für Veränderungen wahrnimmt", schrieb sie.
Nach Informationen des serbischen Senders N1 hatte es zuvor auch Streit um die Besetzung der Nachrichtenredaktion gegeben. Mehr als 70 Mitarbeiter brachten den bekannten Moderator Jovan Memedović als möglichen Nachfolger an der Spitze von RTS ins Spiel. Weitere Beschäftigte verlangten den Rücktritt zusätzlicher Führungskräfte und Redaktionsverantwortlicher.
Auch beim regionalen Sender RTV überschlagen sich die Ereignisse. Zunächst trat Nenad Ćaćić zurück, der bisherige Chefredakteur des ersten Fernsehprogramms. Mitarbeiter und Gewerkschafter hatten diesen Schritt wiederholt gefordert.
Anschließend legten auch die kommissarische Leiterin des ersten Radioprogramms, Verica Batić, sowie die Leiterin der Webredaktion, Vesna Iskrin, ihre Funktionen nieder. Neuer Verantwortlicher für das erste Fernsehprogramm wurde Blažo Popović. Zum Programmdirektor wurde Predrag Novković ernannt.
Novković erklärte, Teile der RTV-Belegschaft hätten seit Langem gegen die Art der Nachrichtenberichterstattung protestiert. Der Sender habe nach ihrer Einschätzung weder professionellen noch ethischen journalistischen Standards ausreichend entsprochen.
Auch Gewerkschafter Darko Šper forderte die Mitarbeiter auf, sich wieder an den journalistischen Grundprinzipien zu orientieren. Seine Botschaft war denkbar einfach: "Wir brauchen die Wahrheit."
Der neue RTV-Programmdirektor würde es begrüßen, wenn auch RTS dem Beispiel seines Senders folgte. Zugleich verwies Novković darauf, dass der landesweite Rundfunk wesentlich größer sei und deutlich mehr Einfluss habe. Die Umgestaltung werde deshalb komplizierter.
Fest steht: Der politische Machtwechsel hat in Serbiens Medienlandschaft eine Entwicklung ausgelöst, die noch vor wenigen Wochen kaum vorstellbar gewesen wäre.
Nach Jahren der Kritik an regierungsnaher Berichterstattung räumen Führungskräfte ihre Posten – und ein Nachrichtensprecher gesteht vor laufender Kamera ein, dass sein Sender das Publikum im Stich gelassen hat. Ob daraus dauerhaft unabhängigerer Journalismus entsteht, wird sich erst zeigen müssen.