Friede oder neue Eskalation?

Ukraine-Krieg: Russland vor entscheidendem Wendepunkt

Frieden oder nächste Eskalationsstufe? Russische Medien sehen den Ukraine-Krieg an einer Weggabelung. Eine Entscheidung könnte näher rücken.
23.10.2026, 22:40
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Steht der Ukraine-Krieg vor einer entscheidenden Wende? In russischen Zeitungen wird am Freitag (23. Oktober) auffallend intensiv über ein mögliches Ende der Kämpfe diskutiert. Doch neben vorsichtigen Hoffnungen auf neue Friedensverhandlungen steht eine düstere Warnung im Raum: Sollte die Diplomatie scheitern, könnte der Krieg in eine noch gefährlichere Phase eintreten.

Besonders deutlich formuliert es die russische Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta". Sie sieht den Konflikt an einer Weggabelung, an der sich zwei grundsätzlich unterschiedliche Entwicklungen abzeichnen: "Entweder echte Friedensverhandlungen über das gesamte Spektrum der Fragen oder die nächste Eskalationsstufe."

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Russische Zeitung sieht entscheidende Weggabelung

BBC-Russland-Korrespondent Steve Rosenberg hat für seinen regelmäßigen Überblick über die russische Presse mehrere Zeitungen ausgewertet. Nach Gesprächen in Oslo und St. Petersburg beschäftigt die Redaktionen vor allem eine Frage: Könnte sich der Krieg tatsächlich seinem Ende nähern?

Die "Rossijskaja Gaseta" glaubt, dass sich zumindest eine wichtige Entscheidung anbahnen könnte. Die Kombination der jüngsten Entwicklungen deute darauf hin, dass die militärische Phase des Konflikts nicht unbedingt vor ihrem Ende, aber vor einer bedeutenden Weggabelung stehe, schreibt das Blatt.

Damit zeichnet die Zeitung zwei mögliche Szenarien: Entweder gelingt der Einstieg in umfassende Friedensgespräche – oder beide Seiten steuern auf eine neue Stufe der militärischen Konfrontation zu.

Reading Russia: BBC-Korrespondent Steve Rosenberg berichtet darüber, was russische Medien schreiben.
Screenshot YouTube/Steve Rosenberg

Moskau will Angriffe fortsetzen

Dass Russland trotz der diplomatischen Gespräche vorerst nicht von seiner militärischen Strategie abrückt, zeigt ein Blick in die Zeitung "Moskowski Komsomolez".

Das Blatt zitiert Putins außenpolitischen Berater Juri Uschakow mit einer vorsichtig optimistischen Aussage über ein mögliches Kriegsende. Er wisse nicht, wie nahe man dem Ende des Krieges tatsächlich sei, aber die Entwicklung gehe in diese Richtung, erklärte Uschakow demnach.

Gleichzeitig verweist die Zeitung auf die anhaltenden gegenseitigen Angriffe. Russische ballistische Raketen trafen erneut Kyjiw, während Hunderte ukrainische Drohnen die Region Moskau attackierten. Eine sofortige Feuerpause zeichnet sich damit nicht ab.

Im Gegenteil: Die russische Zeitung betont, Moskau werde seinen militärischen Druck fortsetzen, um seine Ziele durchzusetzen.

Friedensgipfel in Abu Dhabi im Gespräch

Neue Hoffnungen richten sich unterdessen auf mögliche Gespräche im kommenden Monat. Die Zeitung "Iswestija" berichtet auf ihrer Titelseite über Abu Dhabi als möglichen Austragungsort für ein trilaterales Treffen zwischen Russland, der Ukraine und den USA. Ein solches Treffen könnte den Weg für weiterführende Verhandlungen ebnen.

Putin habe erklärt, dass die Gespräche auf einen dauerhaften Frieden und die Sicherheit Russlands abzielen müssten. Dabei gehe es seiner Ansicht nach nicht ausschließlich um die Ukraine, sondern ebenso um die gesamte europäische Sicherheitsordnung. Damit würden die Verhandlungen weit über eine mögliche Waffenruhe hinausreichen.

Bleibt Europa bei den Gesprächen außen vor?

Eine weitere offene Frage betrifft die Rolle der Europäischen Union. Sollten sich Russland, die Ukraine und die USA tatsächlich in Abu Dhabi treffen, wäre die EU in dem diskutierten Dreierformat nicht unmittelbar vertreten.

Die Zeitung "Kommersant" berichtet deshalb über Bemühungen innerhalb Europas, einen geeigneten Gesprächspartner für direkte Kontakte mit Putin zu finden. Als mögliche Kandidaten nennt das Blatt den finnischen Präsidenten Alexander Stubb und EU-Ratspräsident António Costa. Ob einer der beiden tatsächlich eine entsprechende Rolle übernehmen wird, ist offen.

Fest steht: Bei möglichen Verhandlungen über die künftige Sicherheitsordnung Europas stellt sich auch die Frage, wie die europäischen Staaten ihre Interessen einbringen können.

Reading Russia: BBC-Korrespondent Steve Rosenberg berichtet darüber, was russische Medien schreiben.
Screenshot YouTube/Steve Rosenberg

Territorialfrage bleibt größte Hürde

Trotz der Diskussionen über einen neuen Verhandlungsanlauf fällt die Einschätzung russischer Medien keineswegs durchgehend optimistisch aus. Der "Kommersant" sieht vor allem die Territorialfrage als schwerwiegendes Hindernis. Solange keine Einigung über die von Russland beanspruchten und teilweise besetzten ukrainischen Gebiete erzielt werde, sei ein dauerhafter Frieden kaum vorstellbar, argumentiert das Blatt.

Die Ukraine beansprucht ihre international anerkannten Staatsgrenzen. Russland erhebt dagegen Gebietsansprüche, die international weitgehend nicht anerkannt werden. Dieser grundlegende Gegensatz lässt sich durch die Ankündigung eines neuen Treffens nicht automatisch überwinden.

Nur Gefangenenaustausch statt Frieden?

Ein von "Kommersant" zitierter Vertreter eines russischen Präsidentenrats dämpft deshalb die Erwartungen an ein mögliches Treffen in Abu Dhabi. Ein großer Durchbruch sei unwahrscheinlich. Eher könnten sich die Beteiligten auf einzelne humanitäre Fragen verständigen.

Als Beispiele nennt er den Austausch von Kriegsgefangenen oder die Übergabe sterblicher Überreste gefallener Soldaten. Solche Vereinbarungen könnten für die Betroffenen wichtig sein, würden aber noch keinen umfassenden Friedensschluss bedeuten.

Frieden oder gefährlichere Kriegsphase?

Damit zeichnet sich in der russischen Presse ein widersprüchliches Bild ab. Auf der einen Seite wird über mögliche neue Verhandlungen, diplomatische Kontakte und eine langfristige Friedensordnung diskutiert. Auf der anderen Seite hält Moskau am militärischen Druck fest, während die zentralen Streitfragen ungelöst bleiben.

Die Einschätzungen russischer Medien spiegeln dabei nicht zwangsläufig die Position der ukrainischen Regierung oder konkrete Beschlüsse der Verhandlungsparteien wider. Ob die diskutierte Weggabelung tatsächlich unmittelbar bevorsteht, lässt sich derzeit nicht sagen. Ebenso wenig ist entschieden, welchen Weg die Beteiligten einschlagen werden.

Die Botschaft der russischen Regierungszeitung ist dennoch unmissverständlich: Der nächste große Schritt könnte entweder in Richtung ernsthafter Friedensverhandlungen führen – oder in eine neue, noch gefährlichere Eskalationsphase.

red, 23.10.2026, 22:40
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