Zum Schulbeginn ist die Debatte über Österreichs Bildungssystem wieder voll entbrannt. In der "ZIB2" diskutierten am Dienstagabend ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti und SPÖ-Bildungssprecher Heinrich Himmer mit ORF-Moderator Armin Wolf über vererbte Bildungschancen, Ganztagsschulen, die Volksschule und die Frage, wie Österreich auf schwache Ergebnisse bei internationalen Bildungstests reagieren soll. Der Ausgangspunkt war eine zentrale Frage: Warum hängen Bildungsabschlüsse in Österreich weiterhin so stark vom Bildungsstand der Eltern ab?
Für Marchetti ist klar, dass diese Situation nicht akzeptabel ist. "Nein, ich finde des nicht gut", sagte der ÖVP-Politiker auf die Frage, ob er diese starke Abhängigkeit für richtig halte. Marchetti will deshalb früher ansetzen. Aus seiner Sicht beginnen die Probleme nicht erst in der weiterführenden Schule. Besonders deutlich werde das in Wien. Dort könnten laut Marchetti "50 Prozent der Schülerinnen und Schüler, die die Schule beginnen", als außerordentliche Schüler dem Unterricht an der Tafel nicht folgen und den Lehrer nicht verstehen. 60 Prozent dieser Kinder seien bereits in Österreich geboren.
Für den ÖVP-Bildungssprecher müsse deshalb vor allem die Elementarpädagogik stärker in den Mittelpunkt rücken. Himmer stimmte diesem Ausgangspunkt zu. Auch für ihn sei die Elementarpädagogik eine entscheidende Grundlage. Gleichzeitig müsse Österreich aus seiner Sicht die ganztägige Bildung deutlich ausbauen. Himmer sprach sich zudem für eine gemeinsame Schule bis zum Alter von 14 Jahren aus. Bei den grundsätzlichen Problemen seien SPÖ und ÖVP "gar nicht so weit auseinander", sagte er zu Marchetti. Gleichzeitig kritisierte Himmer, dass über diese Fragen "schon seit vielen Jahren" gesprochen werde.
Genau bei der Ganztagsschule zeigten sich dann aber deutliche Unterschiede. Marchetti verteidigte die Linie der ÖVP, wonach es ein flächendeckendes Angebot zusätzlich zum bestehenden Schulsystem geben solle. Eine verpflichtende Ganztagsschule für alle sei für seine Partei nicht der richtige Weg. Zugleich verwies er auf die Rolle der Eltern. Der Staat könne "niemals ein Elternhaus komplett ersetzen". Das Elternhaus müsse ebenfalls zum Bildungserfolg eines Kindes beitragen. Himmer hält diese Sichtweise für problematisch. "Wir halten das für unfair", sagte der SPÖ-Bildungssprecher.
Kinder und Jugendliche sollten nicht deshalb schlechtere Chancen haben, weil ihre Eltern weniger Geld haben oder selbst einen niedrigeren Schulabschluss besitzen. Ziel müsse sein, "niemanden zu verlieren" und "alle mitzunehmen". Dabei nahm Himmer auch die Kosten des Bildungssystems in den Blick. Letztlich sei es auch gegenüber den Steuerzahlern notwendig, ein System zu schaffen, in dem alle Kinder dieselben Chancen bekommen. Wolf konfrontierte Himmer allerdings mit der Frage, warum es ausgerechnet im SPÖ-geführten Wien noch kein flächendeckendes Ganztagsschulsystem gibt.
Himmer verwies darauf, dass Wien jene österreichische Region sei, die die höchste Zahl an echten Ganztagsschulen habe. Der Ausbau müsse Schritt für Schritt erfolgen. Das langfristige Ziel müsse aber sein, dass die Ganztagsschule österreichweit zum "Regelfall" beziehungsweise zum "Normalfall" werde. Marchetti wiederum stellte die Frage, warum politische Lösungen häufig erst ab der fünften Schulstufe diskutiert würden. Er verwies auf bereits vereinbarte Reformen in der Elementarpädagogik. Dazu zählten ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und ein abgestimmter Ausbauplan für Kindergärten.
Wenn Österreich dort stärker investiere und Rückstände aufhole, bringe das aus seiner Sicht mehr als eine ideologische Auseinandersetzung über die spätere Schulform, so der ÖVP-Mann. Auch die Volksschule müsse stärker in den Mittelpunkt rücken. Wenn man dort mit demselben Einsatz vorgehe, könne man die bestehenden Probleme tatsächlich lösen, argumentierte Marchetti. Himmer widersprach der Darstellung, dass es bei der Ganztagsschule vor allem um eine ideologische Auseinandersetzung gehe. Für ihn gebe es dafür "wissenschaftliche Evidenz". Eine Ganztagsschule sei "der richtige Weg in die Zukunft". Gleichzeitig räumte er ein, dass Veränderungen im Bildungssystem nicht einfach umzusetzen seien.
Jede Veränderung könne "Unruhen und Nervosität" auslösen. Deshalb müsse man die Vorteile erklären, statt "Schreckgespenster an die Wand" zu malen, so der SPÖ-Politiker. Besonders kontrovers wurde es beim Vorschlag von Bildungsminister Christoph Wiederkehr, die Volksschule auf sechs Jahre zu verlängern und Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren gemeinsam zu unterrichten. Marchetti zeigte sich davon wenig überzeugt. Die Diskussion über eine gemeinsame Schule gebe es "seit Jahrzehnten". Ihm gehe es weniger um die nächste große Strukturreform als um eine konkrete Verbesserung im Klassenzimmer.
Der ÖVP-Bildungssprecher verwies außerdem auf internationale Vergleichstests. Viele Länder mit Gesamtschulsystem seien bei PISA "total abgestürzt". Gleichzeitig sei bereits die heutige Volksschule eine gemeinsame Schule. "Abgesehen davon ist die Volksschule eine Gesamtschule, und die funktioniert offensichtlich nicht gut genug", sagte Marchetti. Deshalb müsse zunächst dafür gesorgt werden, dass die bestehenden vier Jahre Volksschule besser funktionieren. Eine Verlängerung auf sechs Jahre mache aus seiner Sicht auch "logistisch keinen Sinn".
Himmer setzte dem eine andere Perspektive entgegen. "Aus meiner Sicht geht es nicht um Logistik, sondern es geht um jedes einzelne Kind", sagte er. Österreich habe Kinder, die nicht dieselben Chancen hätten, "weil wir sie ihnen nicht geben". Mehr ganztägige Betreuung und Bildung, mehr gemeinsame Lernzeit und ein Ausbau der Schulteams seien für ihn zentrale Ansätze.
Zum Schluss ging es um einen Vorschlag, der unmittelbar den Familienalltag betrifft. WKÖ-Präsidentin Martha Schultz hatte angeregt, die Sommerferien von neun auf sechs Wochen zu verkürzen. Marchetti zeigte dafür grundsätzlich Gesprächsbereitschaft. Schultz spreche mit ihrem Vorschlag "etwas Richtiges an", weil neun Wochen Ferien für viele Eltern schwierig zu organisieren seien. Er halte es deshalb für sinnvoll, das Thema mit allen Beteiligten zu diskutieren. "Es gibt ja viele Wege zum Glück", sagte Marchetti.
Himmer warnte dagegen davor, die Ferien isoliert zu betrachten. Wenn die Sommerferien kürzer würden, ohne gleichzeitig die Ganztagsschule auszubauen, würden Eltern erst recht vor ein großes Betreuungsproblem gestellt. Eine Verkürzung der Ferien allein würde die Situation deshalb nicht verbessern.