Wenn sich die ganze Erde doch gerade erwärmt, wie kann es wo kälter werden? Dieser scheinbare Widerspruch ist in Wahrheit keiner. Der Österreicher Wolfgang Schöner kennt die Antwort.
Ende Juni schwitzte Europa bei extremer Hitze. Gleichzeitig gelangten ungewöhnlich kühle Luftmassen weit in den Süden Grönlands. An der österreichischen Forschungsstation im Sermilik-Fjord lagen die Temperaturen bei moderaten rund zehn Grad.
Gletscherforscher Wolfgang Schöner von der Universität Graz erklärt: "Durch die Wetterlage während der Hitzewelle in Europa ist kältere Luft besonders weit in Grönlands Süden gelangt."
Das vermeintliche Paradoxon entsteht, weil Wetter und Klima häufig miteinander verwechselt werden. Der Klimawandel bedeutet nicht, dass es an jedem Ort und an jedem einzelnen Tag wärmer sein muss. Er beschreibt eine langfristige Erwärmung des gesamten Klimasystems.
Innerhalb dieses Systems können Luftmassen jedoch weiterhin verschoben werden. Eine Wetterlage, die über Europa lange Zeit heiße Luft festhält, kann andernorts den Zustrom kalter Luft begünstigen. Genau das dürfte während der europäischen Hitzewelle in Grönland passiert sein.
Für den grönländischen Eisschild brachte die kühlere Luft vorerst einen Vorteil: Es schmolz weniger Eis. Schöner fasst die aktuelle Situation so zusammen: "Derzeit ist die Eisbilanz gut."
Das ist allerdings nur eine Momentaufnahme. Ob die Bilanz für das gesamte Jahr positiv ausfällt, hängt davon ab, wie sich das Wetter im weiteren Verlauf des Sommers entwickelt. Langfristig leidet der mächtige Eispanzer weiterhin unter der globalen Erwärmung.
Ähnliche Gegensätze wurden bereits in der Vergangenheit beobachtet. Im Jahr 2012 war es in Grönland besonders warm. Die damalige Wetterlage lenkte dafür mehr kalte Luft nach Mitteleuropa.
Ein Automatismus ist das allerdings nicht. Der Effekt tritt nicht immer auf und lässt sich laut den Forschenden vor allem im Sommer beobachten. Im Winter sind die Temperaturunterschiede zwischen dem kalten Norden und dem wärmeren Süden meist so groß, dass sich die Luftmassen weniger stark vermischen.
Durch die Erderwärmung verringert sich der Temperaturunterschied zwischen nördlichen und südlicheren Regionen. Dadurch können sich Wetterströmungen verändern und neue Anomalien entstehen: Während eine Region unter extremer Hitze leidet, kann es an einem anderen Ort gleichzeitig auffällig kühl werden.
Auch der Nordatlantische Strom zeigt, wie kompliziert das Klimasystem ist. Er transportiert warmes Wasser weit nach Norden. Schmelzwasser aus Grönland könnte diese Strömung verlangsamen. Eine mögliche Folge wäre kühleres Wetter in Teilen Nordeuropas - obwohl sich die Erde insgesamt weiter erwärmt. Wie stark dieser Effekt tatsächlich ausfallen könnte, ist noch unklar.
Die vorübergehende Kälte ist daher kein Gegenbeweis zum Klimawandel. Sie zeigt vielmehr, dass eine wärmere Erde nicht überall gleichmäßig wärmer wird. Ein verändertes Klimasystem kann regional auch Kälte bringen - und gleichzeitig die Wetterextreme verschärfen.