Es ist eine paradoxe Entwicklung: Während öffentlich immer häufiger über Autismus gesprochen wird und manche bereits von einer "Diagnoseinflation" sprechen, bleiben viele Betroffene weiterhin unerkannt – oft über Jahre hinweg. Für sie bedeutet das einen langen Leidensweg, geprägt von Missverständnissen, Überforderung und fehlender Unterstützung.
Gleichzeitig ziehen sich immer mehr Menschen im Autismus-Spektrum aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Schule, Arbeit oder soziale Kontakte werden für viele zur kaum bewältigbaren Herausforderung.
Zum Welt-Autismus-Tag am 2. April fordert der Wiener Verein "nomaden" daher ein Umdenken. Seit Jahren begleitet er Menschen im Autismus-Spektrum mobil: "Wir merken nach 16 Jahren der mobilen, aufsuchenden Arbeit, dass es vielen Menschen im Autismus-Spektrum derzeit psychisch nicht gut geht. Sie sind überlastet von Reizen, Anforderungen, sozialen Konventionen, den Medien und dem Weltgeschehen", erklärt Psychologin und "nomaden"-Obfrau Johanna Kienzl.
Die Folge seien starke Rückzugstendenzen, während andere selbstverletzende Verhaltensweisen oder herausforderndes Verhalten ihren Mitmenschen gegenüber zeigen würden.
Aus diesem Grund wolle man mehr Platz und Raum durch die Erweiterung der Gruppenangebote schaffen. "Wir als Verein bieten unsere nomaden-treffs, in denen es um einen Austausch untereinander geht, ab 2026 verstärkt an." Räume, in denen kein Leistungsdruck herrscht. Begegnungen ohne Bewertung. Zeit, die nicht durchgetaktet ist.
Hier soll künftig der sogenannte Low-Arousal-Ansatz vermehrt zum Einsatz kommen. Dabei handelt es sich um eine Methode der gewaltfreien Deeskalation, die darauf abzielt, Stresssituationen frühzeitig zu entschärfen. "Dieser Ansatz wirkt nicht nur in Krisensituationen, sondern auch im Alltag: Er hilft, Spannungen zu reduzieren – bei Menschen im Autismus-Spektrum ebenso wie bei ihrem Umfeld."
Die Unterstützung von Menschen im Autismus-Spektrum ist aufwendig. Sie erfordert qualifiziertes Personal, Zeit und Kontinuität.
Gerade deshalb warnt Kienzl vor Einsparungen im sozialen Bereich. Werden Angebote reduziert, steigt die Gefahr, dass sich Betroffene weiter zurückziehen und soziale Kontakte verlieren. Die Rückkehr in ein aktives gesellschaftliches Leben wird dadurch umso schwieriger.