Es ist eines dieser Details, die man erst beim genaueren Hinsehen bemerkt. Während der Ball über den Bildschirm rollt, Millionen mitfiebern und Tore bejubelt werden, blitzt unter dem Dress vieler Spieler ein eng anliegendes Bustier. Dabei handelt es sich um keinen Modeschmäh: In den BHs steckt Hightech, die den Spielern und Trainern wertvolle Daten liefert. Sportmediziner Stefan Fröhlich erklärt, was es mit dem Teil auf sich hat.
Was wie ein modisches Accessoire aussieht, ist in Wahrheit ein hochentwickeltes Tracking-System: Im Stoff stecken spezielle GPS-Sensoren. "Die Systeme ermitteln, wie sich ein Spieler auf dem Feld bewegt. Das schließt ein, wo er sich während des Spiels aufhält, wie schnell er läuft, wie viel Zeit er im maximalen Sprint-Bereich verbringt und wie viel im Dauerlauf-Tempo", verrät Fröhlich im "20 Minuten"-Interview.
Auch Beschleunigungen, Bremsmanöver und die gesamte Belastung werden gemessen. Die Daten landen entweder in Echtzeit bei der Trainerbank oder werden nach dem Spiel ausgewertet: So bekommen die Trainer ein ziemlich genaues Bild, was am Platz wirklich abgeht.
Viele kennen Fitnessuhren oder Apps, die Schritte zählen und den Puls messen. Die Technologie im Profifußball geht jedoch deutlich weiter: "Sie sind zudem viel genauer. Solche Daten lassen sich im Anschluss von einem Trainer verwerten – eine einfache Smartwatch kann da nicht mithalten", erklärt der Sportmediziner.
Gerade im Profibereich entscheiden solche Details oft über Sieg oder Niederlage: "Sind zwei Mannschaften technisch etwa auf dem gleichen Level, ist oft diejenige überlegen, die im Highspeed-Bereich am meisten rausholen kann." Sie erfasst nicht nur Grunddaten, sondern analysiert Belastungsspitzen, Sprintintensität und Bewegungsmuster mit höchster Präzision.
Für Hobbykicker ist das Hightech-Bustier übrigens nicht notwendig. "Für die meisten Freizeitsportler in Spielsportarten ist dieser Detailgrad im physischen Bereich schlicht nicht notwendig", sagt Fröhlich. Wenn du eher Laufen, Radfahren oder Langlaufen gehst, reicht eine ganz normale Sportuhr in den meisten Fällen aus.
Für Trainerteams sind die Zahlen Gold wert. Sie können damit das Training individuell anpassen und Schwächen gezielt ausbessern: "Bei Spielern mit großem Potenzial, aber messbaren Defiziten im physischen Bereich können Konditionstrainer dann ansetzen, um das Beste aus ihnen herauszuholen."
Der Fußball ist heute viel körperlicher als noch vor 20 oder 30 Jahren: "Früher konnte ein Spieler mit gewissen physischen Defiziten durch Technik oder Taktik kompensieren. Heute sind die Profis auf so hohem Niveau, dass man sich auf keiner Position solche Schwächen leisten kann", so Fröhlich.
Die Tracking-Bustiers sind längst nicht mehr nur im Fußball etabliert: "In allen Mannschaftssportarten, in denen die Physis eine große Rolle spielt, kommen sie auf Profiniveau zum Einsatz", erläutert der Mediziner im "20 Minuten"-Interview.
Dazu zählen laut Fröhlich etwa auch Eishockey und American Football. "Je mehr Aufwand in einer Sportart betrieben wird – und je nachdem, um wie viel Geld es geht – desto eher werden solche Hightech-Hilfsmittel gebraucht. Deswegen ist Fußball ein Paradebeispiel."
Aber so hilfreich die Daten sind, sie haben ihre Grenzen. Fröhlich erklärt: "Es gibt Trainer, die sehr datenorientiert arbeiten, und solche, die eher auf ihre Intuition hören. Technisch gute und kreative Spieler mit physisch weniger beeindruckenden Daten bekommen bei ersteren weniger Chancen. Dabei könnten sie vielleicht durch andere Qualitäten ein großer Gewinn für die Mannschaft sein." Teamgeist, Intuition und Spielgefühl lassen sich eben noch nicht mit Zahlen messen.