Wer selbst eine Tochter hat, kennt das Problem: Die Auswahl an Bademode ist riesig. Die Modehersteller bringen jedes Jahr neue Schnitte, Farben und Formen auf den Markt – oft ganz ähnlich wie bei den Erwachsenen. Obwohl bei jungen Mädchen die Brust noch nicht entwickelt ist, findet man in den Geschäften bereits körperbetonte, manchmal sogar gepolsterte Bikinis für Kinder.
Letzteres sorgt aktuell im Netz für eine hitzige Diskussion, nachdem die Journalistin Evelyn Höllrigl Tschaikner - auf Social Media besser bekannt als "little.paper.plane" - das Problem in einem Video offen angesprochen hat: "Brauchen Achtjährige wirklich gepolsterte Bikinis oder ist das einfach nur der Male Gaze in Kindergrößen?"
Mit "Male Gaze" meint die Wahlwienerin mit Südtiroler Wurzeln, dass Mode für Mädchen oft aus der Sicht erwachsener Männer und nicht aus jener der Trägerinnen gestaltet wird. Mädchen werden also nicht mehr als Kinder gesehen, sondern schon als zukünftige Frauen.
Zudem zieht sie einen Vergleich zur Buben-Bademode: Die Mädchenteile sind in der gleichen Größe oft enger und körperbetonter geschnitten. Es gehe ihr nicht darum, dass sich Mädchen stärker verhüllen sollten, sondern darum, dass sie von Anfang an anders behandelt werden.
Im Netz gehen die Meinungen auseinander. Jule schreibt: "Eine Achtjährige braucht noch überhaupt keinen Bikini. Ein Badeanzug reicht vollkommen." Userin Dilaya001 meint: "Omg, wie krank ist das denn?" Andere sehen das entspannter. Mori1020ay9 kommentiert, man suche Probleme, wo keine sind. Followerin Christina findet: "Ich finde das mit den Polstern nicht schlecht ... Bedeckt etwas mehr." Und Lino.463 erinnert sich: Sie sei als Kind immer "ohne Oberteil herumgelaufen".
„Ich bin als Kind immer ohne Oberteil herumgelaufen.“
Was macht diese Mode mit jungen Mädchen? "Gepolsterte Oberteile simulieren eine Körperform, die das Kind noch gar nicht hat. Das ist entwicklungspsychologisch schlicht unnötig und fürs Kind potenziell verwirrend", erklärt Melania Montanari, Psychologin und Kinder- und Jugendcoachin, gegenüber "20 Minuten".
Entsprechend hält Montanari den Vorwurf des Male Gaze bei Mädchenbademode für gerechtfertigt. "Das Kind selbst sexualisiert nicht, aber das Design solcher Produkte orientiert sich klar an einem erwachsenen, weiblichen Körperideal." Für wen solche Bikinis gedacht sind, sei damit klar: "Jedenfalls nicht für das Kind."
Ein Kind verbindet mit einem Bikini noch nichts Sexuelles. Es lernt aber durch Reaktionen von außen, dass sein Körper bewertet wird. Montanari sagt: "Kleidung ist in allen Phasen der Kindheit nichts Neutrales. Sie sagt dem Kind nonverbal: Das ist es, was an deinem Körper zählt. Deshalb ist es so wichtig, was wir mitbestimmen, was Kinder in welchem Alter anziehen, nicht, weil das Kind es versteht, sondern gerade, weil es das noch nicht tut."
Sollte man seiner Tochter so eine Bademode überhaupt kaufen? Montanari meint klar: "Nein, das braucht sie nicht. Ein gut sitzender Badeanzug oder ein nicht gepolsterter Bikini erfüllt genau denselben Zweck."
„Nein, das braucht sie nicht. Ein gut sitzender Badeanzug oder ein nicht gepolsterter Bikini erfüllt genau denselben Zweck.“
Das gilt auch, wenn das Kind selbst danach fragt. "Viele Kinder wünschen sich bestimmte Sachen, weil sie sie aus den Medien kennen und dazugehören möchten." Statt nur zu verbieten, rät Montanari zu einem anderen Zugang: Erkläre deinem Kind, warum du dich dagegen entscheidest, und sucht gemeinsam nach Alternativen, die zum Kind passen – und trotzdem cool sind.