"Nach Grippe chronisch krank"

"Ich gebe sie nicht auf" – Familienvater kämpft um Frau

Andreas Wendl (43) ist verzweifelt. Seit drei Jahren leidet seine Partnerin an ME/CFS. Nun sind die Ersparnisse der kleinen Familie aufgebraucht.
Aram Ghadimi
14.11.2025, 05:15
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"Es ist, als würde ich vor einem Abgrund stehen und kann um drei Millimeter ihre Hand nicht erreichen" – so beschreibt Andreas Wendl aus Ternitz (Bezirk Neunkirchen) das schwere Schicksal, das ihn und seine kleine Familie (zwei Kinder) getroffen hat, nachdem seine Frau plötzlich krank geworden war.

Es war im Dezember 2022: Nach einer Grippe leidet Wendls Frau plötzlich an massiver Erschöpfung – der Beginn eines Albtraums: "Heute liegt Michaela den ganzen Tag im Bett, hält mit der Konzentration oft nur zehn, manches Mal 15 Minuten durch. Kleinste Anstrengungen ziehen Monate an Schmerzen und Bewegungslosigkeit nach sich."

Die Frau von Andreas Wendl hat ME/CFS – die sogenannte myalgische Enzephalomyelitis, auch bekannt als Chronisches Fatigue-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine chronische Multisystemerkrankung. Das zentrale Symptombild dabei ist eine nach Belastung einsetzende starke Zustandsverschlechterung, die als post-exertionelle Malaise bezeichnet wird.

Bis zu 80.000 Betroffene

Die Medizinische Universität Wien schätzte zuletzt, dass es österreichweit aktuell bis zu 80.000 Betroffene geben dürfte, die häufig nach Covid-Infektionen erste Symptome zeigen. Nur etwa ein bis maximal zehn Prozent der Covid-Patienten erkrankt so schwer wie im vorliegenden Fall. Auch andere vorausgegangene Infekte können ME/CFS auslösen. Die Abgrenzung von Long Covid ist dabei nicht einfach, denn rund die Hälfte der Long-Covid-Betroffenen zeigt ähnliche Symptome.

"Die Ärzte nahmen uns am Anfang nicht ernst", erzählt Andreas Wendl gegenüber "Heute". Er hat mittlerweile einen regelrechten Marathon an gemeinsamen Arztbesuchen hinter sich: "Wir selbst hatten zuerst auch nur von Long Covid gehört und es genauso nicht ernst genommen. Doch, die stetige Verschlechterung hat uns bald dazu gezwungen. Wir haben dann recherchiert und sind über Foren und andere Betroffene auf den Begriff 'post-virale Erschöpfung' gestoßen."

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ICD-Code G93.3

Schließlich stellte die Eisenstädter Neurologin Corinna Weber die Diagnose: ICD-Code G93.3: Chronisches Fatigue-Syndrom. Das staatliche Gesundheitsportal gesund.bund.de aus Deutschland beschreibt die Krankheit so: "Eine schwere, anhaltende Erschöpfung", die "zum Beispiel nach Virus-Erkrankungen oder im Rahmen von anderen Grunderkrankungen auftreten" kann. Dabei sind "die genauen Ursachen […] bisher nicht vollständig geklärt."

"Durch die Erschöpfung wird der Alltag stark beeinträchtigt", schreibt das Gesundheitsportal: "Auch wenn man sich ausruht und schont, verbessert sich die Erschöpfung typischerweise nicht anhaltend. Es können weitere Beschwerden auftreten, beispielsweise Schlaf-Störungen, Konzentrations-Störungen und Schmerzen. Mitunter können sich die Beschwerden schon durch geringe Anstrengungen verschlechtern."

Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom

ME/CFS ist eine schwere, chronische neurologische Multisystemerkrankung, die nach Infektionen auftreten kann. In Österreich dürften derzeit zwischen 26.000 und 80.000 Menschen betroffen sein – zwei Drittel sind Frauen. Bis zu 75 Prozent der Betroffenen sind dauerhaft arbeitsunfähig, ein Viertel von ihnen ans Bett gebunden. Das Hauptmerkmal ist eine anhaltende Zustandsverschlechterung nach minimaler Belastung. Die Erkrankung zählt zu den am stärksten einschränkenden chronischen Erkrankungen weltweit und trifft auch häufig jüngere Menschen.

"Als wäre sie lebendig begraben"

"Michaela leidet an einer sehr schweren Form der Krankheit, die derzeit noch als unheilbar gilt", sagt Andreas Wendl und atmet dabei lange aus: „Es ist, als wäre sie lebendig begraben", sagt der 43-Jährige und kämpft um seine Fassung. Nach kurzem Durchatmen fährt der junge Familienvater fort: "Grundsätzlich ist meine Frau kognitiv da. Aber, ich kommuniziere mittlerweile nur noch in Ein-Wort-Sätzen mit ihr." Eine normale Unterhaltung sei überhaupt nicht mehr möglich.

Das Schlimme dabei: "Sie bekommt alles mit, kann aber nichts machen. An 23 Stunden des Tages liegt sie alleine in einem abgedunkelten Raum und kann weder ihr Handy benutzen noch Musik hören oder ein Buch lesen. Nur knapp eine Stunde am Tag kann ich zu ihr ins Zimmer – um sie zu füttern, zu waschen, oder auf die Bettschüssel zu heben."

Seit Dezember 2024 bettlägrig

"Wir sind schon 20 Jahre zusammen", sagt Wendl mit trauriger Stimme: "Ich will mir ein Leben ohne sie nicht vorstellen. Jeden Tag mit Hoffnung in ihr Zimmer zu kommen, dort ihr schmerzverzerrtes Gesicht zu sehen und dann die Hoffnung wieder loslassen zu müssen, ist niederschmetternd."

Seit einem akuten Krankheitsschub, im Dezember 2024, ist Michaela Wendl dauerhaft bettlägerig und rund um die Uhr auf ihren Partner angewiesen. Dabei muss sie oft sogar auf Augenkontakt zu ihrem 43-jährigen Partner verzichten: "Wenn Michaela zu emotional wird, riskiere ich eine dauerhafte Zustandsverschlechterung bei ihr."

Bis März selbstständig gewesen

Ende März 2025 musste Wendl nach langen Jahren sein Geschäft in Neunkirchen schließen. Sein Lehrling war ausgelernt und der einzige Mitarbeiter konnte den Handyladen nicht in seinem Namen weiterführen: "Der überraschende Tod meiner Mutter, nur zwei Monate später, hat unsere Lage dann noch weiter verschärft. Sie war nicht nur unsere größte Stütze, sondern auch – gleich nach meiner Frau und mir – die wichtigste Bezugsperson unserer Kinder", sagt Wendl. Als ehemaliger Selbstständiger bekam er zunächst AMS-Geld: "Seit diesem Monat sind es 1.100 Euro Notstandshilfe."

Wendls Frau war vor ihrer Erkrankung Radideologietechnikerin und hat 20 Stunden pro Woche im klinischen Bereich gearbeitet. "Zusammen haben wir uns um unsere beiden Kinder gekümmert", sagt der Niederösterreicher und ergänzt: "Heute bekommt sie 900 Euro Krankengeld. Ihr wurde die Pflegestufe 5 genehmigt, was noch einmal 1.200 Euro Pflegegeld bedeutet."

Ersparnisse bald aufgebraucht

Wendl kämpft jetzt um seine kleine Familie und hat eine Online-Spendenaktion organisiert: "Ich werde Michaela nicht aufgeben. Der vierköpfige Haushalt verfügt monatlich über insgesamt 3.200 Euro: "Damit kommen wir im Moment noch über die Runden. Im Februar will die PVA aber eine Neubegutachtung durchführen. Unsere Ersparnisse sind jetzt nahezu aufgebraucht. Die Kosten für Ärzte, Medikamente und spezielle Aufbaunahrung belasten uns immer stärker."

Wer Andreas Wendl unterstützen möchte, kann das auf der Plattform "Spendenaktion" tun. Hier ist der Link dazu:

https://spendenaktion.de/spendenaktion/fur-meine-schwerkranke-frau-und-unsere-kinder/-57835

Das Geld reiche im Moment nicht, um neue Therapieversuche zu starten. Wendl will alles versuchen, um seiner Frau zu helfen: "Sobald es Michaelas Zustand zulässt, wollen wir eine Badewanne einbauen lassen. Vor zwei Wochen hat aber unsere Waschmaschine den Geist aufgegeben. Und unser altes Auto wird es nach 14 Jahren auch nicht mehr allzu lange machen."

{title && {title} } agh, {title && {title} } Akt. 14.11.2025, 12:35, 14.11.2025, 05:15
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