Früh aufstehen, ein weiterer Tag Lohnarbeit, für den Großteil der Wiener geht es dann mit den Öffis zum Arbeitsplatz. Über eine Million besitzt eine Jahreskarte, verbringt im Schnitt 40 Minuten am Tag in U-Bahn, Bim und Bus. Menschen aus finanziell prekären Verhältnissen – viele davon mit Migrationshintergrund oder nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft – müssen aus den Randbezirken noch länger pendeln.
Da ist ein gutes Zusammenleben gefragt. Um so ärgerlicher ist es, wenn rücksichtslose Passagiere auf voller Lautstärke über ihre Handys hektische TikToks schauen oder Videotelefonieren – auch das natürlich auf voller Lautstärke, denn die Geräusche der Bim müssen ja übertroffen werden.
"Für dich egal, für andere eine Qual" lautet deswegen einer der Sprüche, mit denen die Wiener Linien in einer neuen Kampagne solche "Öffi-Rüpel" zu mehr Rücksicht mahnen wollen. Eine Umfrage der Wiener Linien mit rund 800 Teilnehmern zeigt: 86 Prozent fühlen sich durch dieses Verhalten gestört. 92 Prozent halten es für wichtig, dass lautes Telefonieren und Videoschauen ohne Kopfhörer unterlassen wird.
"Wo täglich Millionen Fahrgäste aufeinandertreffen, braucht es klare Spielregeln und gegenseitige Rücksichtnahme. Unsere Öffis sind ein gemeinsamer Raum und der verlangt Respekt", sagte deswegen Verkehrsstadträtin Ulli Sima (SPÖ) bei der Präsentation der Kampagne "Host kan Genierer?". Im Zentrum steht typisches Fehlverhalten: ein Riesen-Handy, eine überdimensionale Leberkässemmel oder ein riesiger Rucksack.
Für die NGO "Black Voices" ist diese Kampagne ein handfester Skandal. Auf Instagram posten sie eine Slideshow mit "5 Gründen, warum die Wiener Linien Kampagne rassistisch ist". Lautes Telefonieren zu problematisieren sei etwa eine "scheinbar neutrale Regel", die "sofort rassistisch aufgeladen" wird und Menschen "noch mehr Anlass" gibt, "Schwarze, muslimische Personen und People of Colour im öffentlichen Raum anzugehen".
Als Beweis für die Richtigkeit der Kritik werden Kommentare unter Postings der Wiener Linien herangezogen. Weil manche davon rassistisch seien, könne die Kampagne gar nicht neutral sein. "Kampagnen wie diese können zusätzlichen Anlass geben, Menschen zu belehren, anzuschreien oder rassistisch anzugehen." Auch das aktuelle Verbot von "geruchsintensiven Speisen" basiere auf "rassistischen Vorurteilen", ist die NGO überzeugt.