Österreichs Arbeitsmarkt steht vor großen Herausforderungen. AMS-Chef Johannes Kopf schlägt jedenfalls bereits jetzt Alarm und warnt vor massiven Folgen, wenn Politik und Gesellschaft nicht rasch auf den demografischen Wandel reagieren.
Nach aktuellen Berechnungen des Arbeitsmarktservice könnten bis zum Jahr 2050 rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen. Besonders außerhalb Wiens dürfte sich die Situation deutlich verschärfen. Obwohl das Problem seit Jahren bekannt sei, sei bisher "viel zu wenig" passiert, kritisierte Kopf.
Ein zentraler Grund ist die Entwicklung der Bevölkerung. Die Lebenserwartung steigt zwar weiterhin, zuletzt allerdings langsamer. Gleichzeitig ist die Geburtenrate nach einem kurzen Anstieg nach der Corona-Pandemie wieder gesunken. Dadurch schreitet die Alterung der Gesellschaft weiter voran.
Auch Migration spielt eine wichtige Rolle. Ereignisse wie der Ukraine-Krieg haben die Rahmenbedingungen zuletzt deutlich verändert. Laut Statistik Austria wird Österreichs Bevölkerung ab etwa 2040 sogar schrumpfen. Gleichzeitig werden immer weniger Erwerbstätige auf immer mehr Menschen im Pensionsalter kommen.
Eine Ausnahme bildet Wien. Dort wird bis 2050 als einzigem Bundesland ein Wachstum der Erwerbsbevölkerung erwartet. Grund dafür ist die stärkere Zuwanderung. Statistik-Austria-Generaldirektorin Manuela Lenk erklärt: "Wo viel Zuwanderung ist, kann die Alterung abgefedert werden."
AMS-Chef Kopf sieht dadurch jedoch eine zunehmende Ungleichverteilung im Land. "Mein Eindruck ist: Das Thema wird viel zu wenig ernst genommen", stellte er klar. Durch niedrige Geburtenraten und die regionale Verteilung von Migranten entstehe eine "dramatisch ungleiche Situation".
Außerhalb Wiens könnte der Arbeitskräftemangel besonders stark spürbar werden. "Rechne man die Zahlen gegen, suchen wir außerhalb von Wien bald eine Viertelmillion Arbeitskräfte", warnte Kopf.
Besonders betroffen könnten laut ihm Regionen wie Kärnten, das Burgenland oder Teile der Steiermark sein. Kopf: "Wir wissen jetzt schon, dass Bezirke wie Mürzzuschlag oder Hermagor Rückgänge von 20 Prozent haben werden. Das heißt, wir haben dann Täler, in denen es aussehen wird, wie in manchen Regionen im Waldviertel zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Und was 20 Prozent Rückgänge bedeuten für Schulen, Verkehr, für Handel, für Kinderbetreuung und generell das Leben dort, das ist glaube ich vielen politischen Verantwortlichen noch gar nicht bewusst."
Aber auch die Bundeshauptstadt stehe vor Problemen. "Wir haben jetzt schon in Wien mit Abstand die höchste Arbeitslosigkeit aller Bundesländer. Die Arbeitslosenquote ist fast dreimal so hoch wie in Oberösterreich. Hier habe ich zu wenig Arbeitsplätze."
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Als Lösung fordert Kopf mehrere Maßnahmen gleichzeitig. Die Rot-Weiß-Rot-Karte für qualifizierte Zuwanderung allein werde das Problem nicht lösen. Zwar unterstütze er dieses Instrument, doch mit Stand Ende Februar 2026 gab es inklusive EU-Blauer Karte nur rund 12.900 Bewilligungen.
Deshalb müsse man auch andere Potenziale stärker nutzen. "Daraus folgt, wir müssen unbedingt alle anderen Arbeitskräftepotenziale nützen, die es gibt in diesem Land. Das sind Geflüchtete, Vertriebene, Frauen, Ältere und Lehrlinge", so Kopf.
Gerade bei Frauen sieht der AMS-Chef noch große Möglichkeiten. Dafür brauche es jedoch deutlich mehr Kinderbetreuungsplätze, um den Einstieg oder Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Auch ältere Arbeitnehmer könnten stärker eingebunden werden, zumal Reformen wie die schrittweise Anhebung des Frauenpensionsalters bereits Wirkung gezeigt hätten.
Ohne zusätzliche Maßnahmen drohen laut Kopf nicht nur Probleme am Arbeitsmarkt – sondern auch spürbare Folgen für ganze Regionen in Österreich.