"Es ist völlig verrückt", sagt Firmenchef Christian D., "ich könnte sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang arbeiten, so viele Aufträge hätten wir, aber ich finde seit Jahren nicht genug Mitarbeiter dafür."
Der Wiener führt ein klassisches Handwerks-Unternehmen, seine Leute reparieren Brand- und Wasserschäden, ein Dauerbrenner. "Kunden schätzen die Qualität", sagt der Chef, doch es wird schwierig, diese weiter abzuliefern. Der Betrieb schrumpft: D. hatte früher 36 Mitarbeiter, jetzt sind es nur mehr elf. "Es kommt nichts nach, es gibt einen massiven Mangel bei Handwerkern", sagt er. Und dann: "Mittlerweile zeigt sich: Die Wenigsten wollen wirklich arbeiten, wir suchen seit Jahren, aber wir finden nichts."
Christian D. versucht viel, um die Fachkräfte zu ködern: Er hat ein Jahr lang Annoncen geschaltet, "das hat mich 12.000 Euro gekostet, aber es hat nichts gebracht – das Geld habe ich beim Fenster rausgeschmissen."
Zusätzlich versucht der Firmen-Boss Arbeitern finanziell mehr zu bieten: "Wir zahlen netto etwa 300 Euro mehr als unsere Mitbewerber, dazu noch ein Firmenauto." Doch die Kohle, so erzählt D., bekommt man woanders leichter: "Beim AMS bekommt man fast 900 Euro und dazu noch einige Vergünstigungen – da denken viele, Arbeit zahlt sich nicht aus."
Lange spricht der Unternehmer über die Bewerber, die das AMS schickt: "Da ist ein junger Mann gekommen, der gesagt hat, er will nicht zu Hause sitzen, er will arbeiten." Christian D. war fast euphorisch, einen solchen Job-Anwärter hatte er schon lange nicht mehr erlebt.
Schon bald begannen allerdings regelmäßige Krankenstände, "immer so ein oder zwei Tage lang, aber er brachte immer eine Arztbestätigung." Nach drei Monaten schöpfte der Chef Verdacht, studierte die Arztbriefe genau. Auffällig: "Der Stempel war von einem Arzt aus Nürnberg (Anm.: Bayern, Deutschland)!"
Schon bald gab der Mann zu, er schwänzte die Arbeit, um zu zocken. Die Krankmeldungen fälschte er daheim am Computer.
Das sagt der AMS-Chef
Johannes Kopf, Vorstandsvorsitzender des AMS zu "Heute": "Im AMS arbeiten rund 800 Mitarbeiter, allein für die Betreuung der Unternehmen." Diese sind eine Servicestelle für die Arbeitgeber: "Wenn eine arbeitslose Person, die von uns mit einer Bewerbung beauftragt wird, sich nur den berühmten „Stempel" holen will, dann gilt das als Verweigerung bzw. Vereitelung der Arbeitsaufnahme. Das ist mit einer Sanktion belegt.“
Das bedeutet: Das Arbeitslosengeld oder die Notstandshilfe wird gestrichen. Jährlich geschieht das knapp 80.000 Mal.
Das AMS will in solchen Fällen Gegensteuern: "Darum unsere dringende Bitte an alle Unternehmen um entsprechende zeitnahe Rückmeldungen an uns. Dafür steht 24/7 das eAMS-Konto für Unternehmen zur Verfügung oder alternativ einfach zum Hörer greifen und die Beraterin, den Berater anrufen oder ein E-Mail schreiben. Nur wenn wir informiert sind, können wir agieren."
Anderer Tag, anderer Bewerber. Am ersten Arbeitstag kam der neue Kollege eine halbe Stunde spät. Ärgerlich: Er sollte pünktlich gemeinsam mit einem Kollegen zu einem Kunden – jetzt war die Abfahrt verzögert. Tag zwei: Zu Dienstbeginn war er noch daheim. "Ich sagte ihm gleich, er soll zu Hause bleiben, er braucht nicht mehr kommen", sagt Christian D.
Am Nachmittag flatterte eine Krankmeldung ein und es meldete sich die Arbeiterkammer. Der Mann habe "du brauchst nicht mehr kommen", nicht als Beendigung des Dienstverhältnisses gesehen. Die Folge: "Ich musste 800 Euro zahlen für die wenigen Arbeitsstunden, der Mann war dann zehn Tage im Krankenstand."
D. lernt zahlreiche Bewerber kennen, die er vom AMS vermittelt bekommt. Viele geben an, bestens ausgebildet zu sein: "Die meisten können in Wahrheit nichts, die wollen nur den berühmten Stempel für das AMS."
Der Unternehmer hat mit Jahreswechsel in Wien die Reißleine gezogen und das Unternehmen aus der Donaustadt nach Niederösterreich (Deutsch Wagram) übersiedelt. "Mir kommt vor, beim AMS dort finde ich mehr Leute, die willig sind, zu arbeiten", sagt er.