Österreich gehen die Arbeitskräfte aus. Erstmals seit 1950 schrumpft die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Aktuell fehlen laut Regierung rund 200.000 qualifizierte Fachkräfte. Jetzt will die Politik gegensteuern – mit einer umfassenden Fachkräftestrategie, die ab März 2026 erarbeitet wird. Die Eckpunkte stellten Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ), Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl (ÖVP) und Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) am Mittwoch nach dem Ministerrat vor.
Die Ausgangslage ist brisant: 2025 waren im Schnitt 394.000 Personen arbeitslos oder in Schulung. Gleichzeitig gab es rund 79.000 sofort verfügbare offene Stellen. Besonders gesucht: Pflegekräfte, KFZ-Techniker, Installateure. Durch die Pensionierungswelle wird sich die Lage weiter zuspitzen, vor allem bei Fachkräften mit mittlerer Ausbildung.
Dazu kommt: Zwar wächst die Beschäftigung leicht, doch das Plus kommt fast ausschließlich von den über 60-Jährigen – vor allem Frauen, bedingt durch die Angleichung des Pensionsalters. Am Lehrstellenmarkt ist die Situation angespannt: Mehr Jugendliche suchen eine Lehrstelle, gleichzeitig sinkt die Zahl der offenen Lehrplätze und Ausbildungsbetriebe.
"Der Wandel am Arbeitsmarkt ist enorm – und wir müssen jetzt handeln, damit niemand zurückgelassen wird. Qualifizierung ist der Schlüssel für sichere Jobs und faire Chancen. Deshalb investieren wir gezielt in Weiterbildung und stärken die aktive Arbeitsmarktpolitik", Ministerin Schumann.
Die Regierung setzt nun auf drei große Hebel: Qualifizierung, Lehre und internationale Fachkräfte.
„Der Wandel am Arbeitsmarkt ist enorm – und wir müssen jetzt handeln.“Korinna SchumannArbeits- und Sozialministerin (SPÖ)
Erstens soll eine Qualifizierungsoffensive starten. Ziel ist, mehr Menschen – Junge wie Ältere – zu einem Lehrabschluss oder einer Höherqualifizierung zu bringen. Im Fokus stehen Zukunftsbranchen wie Umwelttechnologien, Digitalisierung, Technik, Handwerk und Pflege. Auch Beschäftigte ohne formale Ausbildung sollen gezielt weitergebildet werden.
Zweitens wird die Lehre gestärkt – nach dem Motto: "Lehrlinge sind die Fachkräfte von morgen." Neben der betrieblichen Ausbildung – vor allem in Klein- und Mittelunternehmen – soll auch die Höhere berufliche Bildung ausgebaut werden. Sie ermöglicht Karrierewege jenseits der Universität. Die überbetriebliche Lehrausbildung wird ab 2026 evaluiert, um ihre Effizienz zu steigern. Ziel bleibt: Kein Jugendlicher soll nach der Pflichtschule ohne Ausbildung dastehen.
Drittens setzt die Regierung verstärkt auf internationale Fachkräfte. Die Rot-Weiß-Rot-Karte soll einfacher, schneller und digitaler werden. Mit dem Projekt "Easy Access Austria" sollen Verfahren beschleunigt werden. Geplant sind zudem ein Pilotprojekt für volljährige Lehrlinge aus Drittstaaten sowie Erleichterungen für Spitzenforscher und Start-up-Gründer. Auch eine Öffnung für Arbeitskräfteüberlassungsfirmen wird geprüft.
Es gehe um eine Ergänzung zum heimischen Arbeitsmarkt, betonte Bildungsminister Wiederkehr.
Wichtig sei dabei nicht nur die Anwerbung, sondern auch Integration und faire Arbeitsbedingungen. Anerkennung ausländischer Abschlüsse soll rascher und transparenter erfolgen.
Entscheidend sei insgesamt, dass die Rahmenbedingungen stimmen, sagt Ministerin Schumann – "damit Menschen – insbesondere Frauen – ihre Erwerbstätigkeit ausweiten können". Ein zentraler Hebel dafür sei der Ausbau von Kinderbetreuung.
Klar ist: Die Offensive kostet Geld. Zusätzliche Mittel müssen im Budget verhandelt werden. Sie werde sich stark dafür einsetzen, sagte Schumann.
Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl (ÖVP) betonte: "Jeder Euro, den wir heute in unser Bildungssystem investieren, stärkt die Gesellschaft, unseren Wirtschaftsstandort und die Innovationskraft unseres Landes."