Mit einer Überraschung startete am Montag der Prozess gegen den ehemaligen Wienwert-Chef Stefan Gruze und zehn weitere Angeklagte: Gruzes Anwalt Norbert Wess meinte, dass sich Gruze der grob fahrlässigen Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen schuldig bekenne. Den zentralen Vorwurf der Anklage, nämlich "schweren gewerbsmäßigen Betrug", wies er aber entschieden zurück.
Gruze werde zudem angeblich ein "Tatsachengeständnis im Zusammenhang mit den angeklagten Korruptionsdelikten" ablegen. Wörtlich hieß es: "Er erkennt an, zu verschwenderisch mit Gesellschaftsvermögen umgegangen zu sein" und räume ein, mit riskanten Deals die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens mitverursacht zu haben. Bereits 500.000 Euro habe Gruze zur Schadenswiedergutmachung geleistet. Die Unschuldsvermutung gilt.
Das Gutachten des von der WKStA bestellten Sachverständigen sei, so Wess, von "unglaublicher Polemik" geprägt. Gruze sei "hochgejazzt" worden, obwohl auch andere Verantwortung trügen. Die Verteidiger der Ex-Vorstände Nikos Bakirzoglu und Wolfgang Sedelmayer teilten ebenfalls aus. "Es ist nicht rechtswidrig, sich über Anleihen zu finanzieren", stellte Sedelmayers Anwalt klar. Bakirzoglus Verteidiger verwies auf Wirtschaftsprüfer, die über Jahre keinen Grund zur Beanstandung sahen.
Ganz anders sieht das die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft. "Wienwert war ein Blendwert", meinte eine Staatsanwältin zum Auftakt. Die drei Hauptangeklagten sollen laut Anklage über Jahre hinweg ein System errichtet haben, das Anleger täuschte und Millionen an Investorengeldern zweckentfremdete. Statt in Immobilienprojekte soll das Geld in die Rückzahlung alter Anleihen geflossen sein.
Besonders heikel: Auch prominente Politiker sind unter den Angeklagten. Ex-VP-Wien-Chef Karl Mahrer und Donaustadt-Bezirksvorsteher Ernst Nevrivy (SP) müssen sich wegen Untreue bzw. Beitragstäterschaft verantworten. Mahrers Frau soll mit ihrer PR-Agentur 84.000 Euro kassiert haben, fraglich ist, ob es eine Leistung dafür gab. Mahrer selbst, damals Landespolizei-Vizepräsident, soll im Hintergrund dafür tätig gewesen sein. Die WKStA vermutet, dass seine politische Stellung genutzt wurde, um das Geschäft zu sichern.
Nevrivy wird vorgeworfen, Interna über ein geplantes Bauprojekt der Wiener Linien an Wienwert weitergegeben zu haben. Diese kaufte das Grundstück günstig, nur um es später mit sattem Aufschlag an die Stadt zurückzuverkaufen – angeblicher Schaden: 850.000 Euro. Als Gegenleistung soll Nevrivy unter anderem VIP-Tickets für Fußballspiele erhalten haben. Zudem seien 36.000 Euro an eine Musikgruppe geflossen, deren Fan der Bezirkschef ist. Nevrivys Anwalt betont: Die Infos waren öffentlich bekannt, von einem Gegengeschäft könne keine Rede sein.
Auch Immobilien-Investor Klemens Hallmann sitzt auf der Anklagebank. Er soll Wienwert in einer finanziellen Notlage eine Liegenschaft in Tulln (NÖ) überteuert abgekauft und sich dafür eine Immobilie am Getreidemarkt gesichert. Laut WKStA entstand den Gläubigern dadurch ein Schaden von fast vier Millionen Euro.
Schon vor Prozessbeginn musste der Richter einen Befangenheitsantrag abwehren – dieser wurde jedoch vom Gerichtspräsidenten zurückgewiesen. Für das Verfahren sind zunächst vier Prozesstage angesetzt, weitere werden folgen. Die WKStA hat über 80 Zeugen beantragt, der Akt umfasst rund 380.000 Seiten. Mehr als 1.800 Anleger sollen mit rund 41 Millionen Euro geschädigt worden sein – für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.