Viele Zuseher fühlten sich laut Medien an einen "atmenden Alien" erinnert. Die deutsche "Bild" titelte reißerisch: "ARD zeigt Weihnachtsmesse mit Schleim-Jesus". In den sozialen Medien hagelte es Kritik: von "krank" bis "abartig" war alles dabei – "Heute" berichtete.
Wie "20 Minuten" berichtet, diskutieren nun auch Kirchenvertreter über die Aktion. Der reformierte Theologe Stephan Jütte und Nicole Büchel, Sprecherin des Bistums Chur, nehmen zu dem umstrittenen Auftritt Stellung. Sie erklären, was sie von der ungewöhnlichen Darstellung halten.
Stephan Jütte meint: "Ich halte es für eine künstlerisch zugespitzte, aber legitime Form der Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft. Christliche Kunst war nie nur schön oder gefällig. Sie hat immer auch irritiert, verstört und herausgefordert. Man denke etwa an Caravaggio, dessen drastische Darstellungen von Körperlichkeit und Leid seinerzeit ebenfalls als anstößig galten. Die hier gewählte Bildsprache will nicht schockieren um des Schocks willen, sondern rückt Verletzlichkeit, Menschlichkeit und Zumutung des Christlichen ins Zentrum."
Nicole Büchel sagt dazu: "Ich gehe davon aus, dass diese Darstellung die Würde jedes Menschen und sein Anrecht, Geborgenheit, Zuneigung, Annahme und Herzenswärme zu erfahren, hervorzuheben beabsichtigte. Ob dieses Ziel mit einer solchen Darstellung innerhalb eines Weihnachtsgottesdienstes erreicht werden kann, kann in Frage gestellt werden. Aufmerksamkeit hat die Botschaft auf jeden Fall erhalten."
Jütte zeigt Verständnis für die Kritik: "Ich kann nachvollziehen, dass Menschen irritiert oder auch verletzt reagieren, gerade zu Weihnachten, einem emotional stark aufgeladenen Fest. Gleichzeitig finde ich es problematisch, wenn einzelne künstlerische Ausdrucksformen sehr schnell moralisch aufgeladen und für politische Polarisierung genutzt werden. Kunst lebt davon, dass sie unterschiedlich gelesen wird. Der Aufschrei sagt deshalb oft mehr über gesellschaftliche Spannungen aus als über die künstlerische Arbeit selbst."
Büchel betont: "Papst Leo spricht mit Nachdruck von der Notwendigkeit einer entwaffneten und entwaffnenden Kommunikation. Wir brauchen eine besonnene und deeskalierende Art, miteinander zu sprechen und weniger Provokation."
Jütte hält dagegen: "Diese Pauschalisierung halte ich für schwierig. Christlicher Glaube ist nicht würdevoll, weil er ästhetisch gefällig ist, sondern weil er von einem Gott erzählt, der sich selbst verletzlich macht. Viele große Werke der christlichen Kunstgeschichte wurden zunächst als Zumutung empfunden. Würde entsteht nicht durch Harmonie allein, sondern auch durch die Bereitschaft, sich der Realität von Leid, Körperlichkeit und Brüchigkeit zu stellen."
Büchel ergänzt: "Jede gläubige Person vertritt die Kirche, ist Kirche. Deswegen sollten wir uns alle fragen, ob unsere Art zu leben und handeln die Liebe eines Gottes widerspiegelt, der sich aus Liebe mit dem Menschen identifiziert hat und selber Mensch geworden ist. Das ist die Botschaft zu Weihnachten."
Jütte sagt dazu: "Kirche sollte nicht provozieren, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aber sie darf – und muss – Ausdrucksformen zulassen, die Menschen aus gewohnten Bildern herausführen. Das Evangelium selbst ist keine harmlose Botschaft. Wenn Kunst hilft, diese Tiefe neu zu erschließen, dann erfüllt sie eine wichtige Aufgabe. Entscheidend ist nicht die Provokation an sich, sondern ob sie zu Reflexion, Gespräch und vertieftem Nachdenken einlädt."
Büchel meint: "In Bethlehem ist der Friede Mensch geworden, ist die Liebe Mensch geworden. Gott kennt nur die Provokation der Liebe. Auf diese Art zu provozieren sollten wir uns ausrichten. Anders gesagt: Die Liebe kennt keine Provokation."