Die Weltwetterorganisation (WMO) warnt erneut vor den Folgen des Klimawandels und vor einem sich anbahnenden El-Niño-Ereignis. Die globalen Durchschnittstemperaturen könnten in den nächsten Jahren neue Höchstwerte erreichen oder zumindest auf Rekordniveau bleiben. Bereits im Mai wurden mehrfach neue Spitzenwerte bei den Meerestemperaturen gemessen.
Ein wesentlicher Hinweis auf das bevorstehende Klimaphänomen ist die steigende Meeresoberflächentemperatur im Pazifik. Satellitenaufnahmen zeigen erhöhte Meeresspiegel, was auf warmes, sich ausdehnendes Wasser zurückzuführen ist. Auch erste Windanomalien sprechen für die Entstehung eines El Niño.
Es ist davon auszugehen, dass sich El-Niño-Bedingungen in den kommenden Monaten weiter verstärken werden. Davon ist auch Klaus Haslinger, Leiter der Kompetenzeinheit Klimasystem und Klimafolgen bei der GeoSphere Austria, überzeugt. "Dass wir in den nächsten Monaten im tropischen Pazifik 'El Niño'-Konditionen vorfinden werden, ist ziemlich sicher. Es gibt schon Signale, und das wird sich in den nächsten Monaten weiter aufbauen", erklärte Haslinger. Spürbare Auswirkungen erwartet er ab Sommer und vor allem im Herbst.
El Niño zählt zu den wichtigsten Faktoren für jährliche Klimaschwankungen auf der Erde und beeinflusst weltweit Niederschlag und Temperaturen. Das Phänomen entsteht durch veränderte Meeres- und Luftströme in Äquatornähe über dem Pazifik. Normalerweise wehen Passatwinde von Osten nach Westen und sorgen dafür, dass sich warmes Wasser im Westpazifik staut. Bei El Niño schwächen sich diese Winde ab oder drehen sogar um, wodurch sich das warme Wasser Richtung Osten ausbreitet.
Besonders betroffen sind dabei Regionen wie Südamerika, wo starke Regenfälle und Überschwemmungen auftreten können. In Australien und Teilen Asiens hingegen kann es zu Dürreperioden kommen. El Niño beeinflusst auch die Häufigkeit und Stärke von Stürmen – im Pazifik begünstigt das warme Wasser die Entwicklung von Wirbelstürmen, während im Atlantik eher weniger Stürme entstehen.
Europa ist zwar nicht direkt von extremen Wetterereignissen infolge von El Niño betroffen, doch die indirekten Auswirkungen sind weltweit spürbar. In betroffenen Regionen können etwa Ernteausfälle auftreten, die wiederum globale Preisschwankungen verursachen. Zudem steigt in El-Niño-Jahren die weltweite Durchschnittstemperatur um etwa ein Fünftel Grad Celsius, wie das britische Met Office angibt.
Starke El-Niño-Ereignisse gab es bereits 1982/83, 1997/98 und zuletzt 2016. Damals führte die Erwärmung des Meereswassers zu einer schweren Korallenbleiche am Great Barrier Reef in Australien. Der Begriff "Super-El-Niño" ist zwar wissenschaftlich nicht klar definiert, wird aber von manchen Fachleuten verwendet, wenn die Temperaturabweichung im tropischen Pazifik besonders groß ist.
Die Ozeane nehmen mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärme im Klimasystem auf. Aktuell liegen die Oberflächentemperaturen der Meere deutlich über den Werten der vergangenen Jahre und nähern sich dem bisherigen Rekord. Die Durchschnittstemperatur der Weltmeere lag zuletzt bei über 21 Grad Celsius.
Wie stark und wie häufig El-Niño-Ereignisse künftig auftreten, ist unter Forschern umstritten. Klar ist aber, dass die Folgen in einer wärmeren Welt tendenziell heftiger ausfallen.
Während sich die Meerestemperaturen relativ gut vorhersagen lassen, gilt das für die Atmosphäre weniger. Veränderungen bei den Luftströmen sind sehr wechselhaft, was genaue Prognosen erschwert.
Für das aktuelle Jahr liegen die Schätzungen für die Temperaturabweichung im tropischen Pazifik zwischen plus einem und plus dreieinhalb Grad Celsius. Sollte der Wert tatsächlich am oberen Ende dieser Spanne liegen, wäre ein sogenannter Super-El-Niño wahrscheinlich.