287 Menschen entgingen am 15. August am Flughafen München nur knapp einem schweren Unglück. Eine Boeing 787 von Vietnam Airlines beschleunigte beim Start ungewöhnlich langsam, schoss über das Ende der Piste hinaus und hob erst im Gras ab.
Jetzt gibt es eine entscheidende neue Erkenntnis: Wie Austrianwings unter Berufung auf den ersten Zwischenbericht der deutschen Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) berichtet, habe der Pilot "wohl einen schweren Fehler" gemacht. Während des Startlaufs wurden nämlich die Bremsen der Boeing betätigt.
Genau das ist noch nicht geklärt. Die Flugdaten zeigen Bremsbetätigungen über die Pedale auf der linken Cockpitseite. Dort saß der 64-jährige Pilot, der die Boeing beim Start steuerte.
Die BFU legt sich bisher aber nicht darauf fest, ob der Pilot selbst die Bremsen betätigte oder ob ein technisches Problem dahintersteckte. Teile der Bremsanlage wurden für weitere Untersuchungen gesichert.
Die Folgen waren dramatisch: Die berechnete Abhebegeschwindigkeit lag bei 175 Knoten. Die Boeing stagnierte aber zeitweise bei nur rund 168 Knoten. Für einen sicheren Startabbruch war es schließlich zu spät.
Kurz vor dem Ende der Piste erhöhte der rechts sitzende Copilot die Leistung der Triebwerke. Trotzdem begann die Boeing bereits bei nur 163 Knoten mit dem Abheben. Wäre der Start misslungen, sei davon auszugehen, dass der mehr als 200 Tonnen schwere Jet "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einem Feuerball explodiert" wäre, erklärt Luftfahrt-Experte Patrick Huber gegenüber "Heute".
Dabei schlug das Heck auf dem Boden auf. Der Dreamliner schoss über das Ende der 4.000 Meter langen Startbahn hinaus – die Reifenspuren endeten erst rund 240 Meter hinter der Pistenschwelle im Gras. Erst dort hob die Boeing endgültig ab und konnte anschließend steigen.
Kurz nach dem Start entschied die Crew, nicht nach Hanoi weiterzufliegen, sondern nach München zurückzukehren. Weil die vollgetankte Boeing für eine Landung zu schwer war, musste zunächst Treibstoff abgelassen werden. Rund zwei Stunden später landete die Maschine wieder sicher in München.
Von der Piste konnte sie wegen der Schäden an den Reifen nicht mehr selbst wegrollen. Verletzt wurde niemand.
Besonders auffällig ist die enorme Erfahrung der Besatzung. Der 64-jährige Pilot am linken Sitz hatte mehr als 27.000 Flugstunden absolviert, davon fast 7.800 als Kapitän auf der Boeing 787.
Auch der rechts sitzende Pilot hatte mehr als 12.000 Flugstunden und war selbst als Kapitän qualifiziert. Warum es während des Startlaufs dennoch zu den Bremsbetätigungen kam, ist bisher offen.
Was die Piloten während des dramatischen Starts bemerkten oder besprachen, lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren.
Der Stimmenrekorder arbeitete mit einer rund zweistündigen Endlosschleife. Weil die Boeing erst etwa zwei Stunden später wieder landete, waren die entscheidenden Aufnahmen aus der Startphase bereits überschrieben.
Die Untersuchung läuft weiter. Fest steht bisher, dass während des Startlaufs gebremst wurde. Wer oder was die Bremsen auslöste und warum die ungewöhnlich schwache Beschleunigung nicht früher erkannt wurde, muss die BFU noch klären.