Im Kreml wächst der Druck. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine kostet Wladimir Putin längst nicht mehr nur Soldaten, Panzer und Raketen – sondern auch die wirtschaftliche Zukunft seines Landes. Während Moskau weiter auf Durchhalten setzt, zeigen sich immer mehr Risse im System.
Der Militärökonom Marcus Keupp zeichnet in der "Frankfurter Rundschau" ein düsteres Bild der Lage. Jahrelang hätten prorussische Stimmen behauptet, die Sanktionen des Westens würden Russland kaum treffen. Keupp hält dagegen: "Der russischen Wirtschaft geht es so schlecht wie nie zuvor." Vom Rüstungssektor abgesehen sei sie mittlerweile in der Rezession, dazu kämen hohe Preise und eine immer undurchsichtigere Datenlage.
Besonders brisant: Russland veröffentlicht seit Monaten keine vollständigen Außenhandelsdaten mehr. Auch offizielle Inflationszahlen hält Keupp für wenig glaubwürdig. "Die Inflationsdaten, die Sie bekommen, sind höchstwahrscheinlich gefälscht", sagt der Experte. Gleichzeitig sei der Nationale Wohlfahrtsfonds, den Russland einst mit Einnahmen aus Öl und Gas füllte, fast aufgebraucht.
Genau dieser Fonds war lange Putins Reserve. Er sollte eigentlich das Sozialsystem stützen und Russlands Bevölkerung absichern. Doch der Kreml griff für den Krieg darauf zu. Laut Keupp ist das Geld nun "mittlerweile fast komplett weg". Die Folgen spüren immer mehr Russen im Alltag: Lebensmittel werden teurer, die Kaufkraft sinkt, viele Bereiche der zivilen Wirtschaft stehen unter Druck.
Ein Grund dafür ist die totale Ausrichtung auf den Krieg. Russland pumpt enorme Summen in Waffen, Munition und Soldaten. Keupp beschreibt den Mechanismus drastisch: "Eine Kriegswirtschaft stellt Güter her, die zur Zerstörung bestimmt sind." Statt Wohnungen, Maschinen oder Dienstleistungen für den Alltag entstehen Panzer, Drohnen und Raketen. Das steigert zwar am Papier die Produktion, macht ein Land aber nicht reicher.
Genau hier liegt die Falle für Putin. Das Bruttoinlandsprodukt kann nominell wachsen, weil der Staat immer mehr Geld in die Rüstung steckt. Doch dieses Wachstum ist trügerisch. Die erzeugten Güter werden an der Front vernichtet – ebenso die ausgebildeten Menschen. Gleichzeitig fehlen diese als Arbeiter in normalen Betrieben, zivile Firmen verlieren Personal, Investitionen bleiben aus.
Keupp glaubt, Putin habe sich massiv verkalkuliert. Zu Beginn des Krieges konnte Russland noch auf gewaltige sowjetische Altbestände zurückgreifen – Panzer, Bomben, Munition. Doch diese Reserven schrumpfen. Seit 2024 zeigten Satellitenbilder, dass viele Lager leerer werden. Die Ukraine hat sich zugleich technisch weiterentwickelt, besonders beim Einsatz von Drohnen. Viele klassische russische Waffensysteme kommen dadurch kaum noch durch.
Damit wird der Krieg für Moskau immer teurer. Putin muss mehr produzieren, mehr ausgeben, mehr Menschen mobilisieren – und bekommt dafür immer weniger militärischen Erfolg. Keupps Fazit: Russland verbrennt seine eigene Substanz.
Das macht auch ein mögliches Kriegsende kompliziert. Denn eine Kriegswirtschaft lässt sich nicht einfach abschalten. Viele Arbeiter sind in den Rüstungssektor gewechselt, weil dort deutlich höhere Löhne gezahlt werden. Zivile Betriebe sind geschrumpft oder verschwunden. Endet der Krieg, fällt ein zentraler künstlicher Wachstumsmotor weg.
"Wenn sie Ihre Staatswirtschaft über Nacht beenden und die Wirtschaft sich selbst überlassen, wäre die Folge eine scharfe Rezession", warnt Keupp. Putin steckt damit in einer gefährlichen Logik: Führt er den Krieg weiter, brennt Russland weiter Ressourcen ab. Beendet er ihn, drohen Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Absturz und soziale Unruhe.
Für ein Kriegsende bedeutet das: Der Kreml könnte zwar irgendwann zu Verhandlungen gezwungen sein – aber nicht aus Stärke, sondern aus wirtschaftlicher Erschöpfung. Gleichzeitig hat Putin ein Interesse daran, den Krieg nicht abrupt zu stoppen, weil sein System inzwischen stark davon abhängt.
Keupp formuliert es hart: "Russland stolpert nach vorn, indem es Krieg führt und stabilisiert sich durch dieses Vorwärtsstolpern." Doch dieses Modell hat eine Grenze. Irgendwann sind Geld, Material und Menschen erschöpft. Dann droht keine moderne Industrienation mehr, sondern ein Staat mit sinkendem Lebensstandard, veralteter Technik und immer stärkerer Abhängigkeit.
Besonders China profitiert. Wegen der Sanktionen ist Russland bei vielen Konsumgütern, Maschinen und Handelswegen auf Peking angewiesen. Keupp sagt: "Die russische Wirtschaft ist zunehmend in chinesischer Hand." China könne entscheiden, wie viel Russland bekommt, was es kaufen darf und ob es weiter Öl und Gas abnimmt.
Für Putin ist das eine bittere Wendung. Er wollte Russland mit dem Krieg als Großmacht zurück auf die Weltbühne zwingen. Tatsächlich aber verliert Moskau wirtschaftlich an Kraft und wird immer abhängiger von China.
Keupp bringt es auf den Punkt: "Damit hat Putin definitiv nicht gerechnet."