Fischernetze sind für viele Tiere im Meer eine echte Bedrohung. Jedes Jahr verenden laut Schätzungen weltweit rund 300.000 Delfine als Beifang in den Netzen der großen Fischereiflotten. Aber auch Wale, Haie oder Schildkröten sind betroffen. Manche Tiere schaffen es zwar, sich zu befreien, doch die Netze werden sie oft nicht mehr los. Auch in der Adria kommt es immer wieder vor, dass Tiere durch Fischernetze sterben.
Doch was tun, wenn du einen Delfin siehst, der sich in einem Fischernetz verfangen hat? Die erste Reaktion wäre wahrscheinlich: "Dem armen Tier helfen und es sofort davon befreien!" So einfach ist das aber leider nicht, wie Morigenos in Piran erklärt. Die slowenische Gesellschaft für die Erforschung von Meeressäugetieren hat gemeinsam mit dem Nationalen Veterinärinstitut eine Langzeitstudie veröffentlicht, in der sie genau diese Problematik untersucht hat.
Im Rahmen dieser Studie wurde ein etwa ein Jahr altes Delfinweibchen beobachtet. Die Forscher kannten das Tier und seine Mutter schon länger, als sie eines Tages bemerkten, dass sich ein Netz um den jungen Delfin gewickelt hatte. Zuerst dürfte es sich am Kopf verfangen haben, was Narben im Stirnbereich zeigten. Später blieb das Netz an der Rückenflosse hängen und drückte sich tief durch die Haut ins Gewebe.
Anfangs überlegte man noch, wie man das Tier vom Netz befreien könnte. Doch im Lauf der Zeit entschied man sich, die Auswirkungen auf die Gesundheit des Delfins weiter zu beobachten. Auch deshalb, weil es keine Möglichkeit gab, gefahrlos an das Tier heranzukommen. "Es handelt sich um große, schwere und wendige Tiere, die tauchen und sich nicht fangen lassen. Sie unterscheiden sich stark von Landsäugetieren, was viele Verfahren, die bei Landtieren funktionieren, erschwert. Delfine können nicht betäubt werden und es besteht die Gefahr einer sogenannten Fangmyopathie, bei der das Tier aufgrund einer akuten Stressreaktion sterben kann. Jegliche Maßnahmen müssen daher sehr gut durchdacht sein", sagt Tilen Genov, Leiter der Studie.
Dazu kam, dass es sich um ein Jungtier handelte, das noch von seiner Mutter abhängig war. Eine Trennung hätte mit Sicherheit den Tod des Delfinbabys bedeutet. "Das Tier war in einem sehr guten körperlichen Zustand", sagt Tomislav Paller, Co-Autor der Studie. Es konnte erfolgreich jagen, war gut genährt und schien trotz äußerlicher Narben gesund zu sein. Die Hoffnung war groß, dass sich das Netz mit der Zeit von selbst lösen würde.
In diesem Fall sah es tatsächlich so aus, als würde der Delfin das Netz ohne größere Schäden überstehen. Doch dann wurde ein zweites Netz dem Tier zum Verhängnis. Fischer fanden den toten Delfin und brachten ihn nach Piran. Die Zusammenarbeit mit den Fischern ist sehr eng, wie Genov betont: "Anstatt das Tier, wie vielerorts auf der Welt üblich, zurück ins Meer zu werfen, brachten die Fischer es zu uns, sodass wir etwas daraus lernen konnten. Ihr Tod war vielleicht nicht ganz umsonst."
Die Untersuchungen zeigten, dass sich der Delfin wohl aus Unerfahrenheit und Neugier erneut in einem Netz verfangen hatte – dieses Mal mit tödlichem Ausgang. Die Obduktion ergab, dass das Tier beim ersten Mal keine Organschäden davongetragen hatte. Nicht einzugreifen war daher die richtige Entscheidung. "Die Studie hat bestätigt, dass Interventionen durch Menschen wohlüberlegt sein müssen und 'nichts zu tun' eine legitime und richtige Option sein kann." Trotz des traurigen Endes liefert der Fall wichtige Erkenntnisse für weltweite Richtlinien, wie man mit Delfinen in Fischernetzen umgehen sollte, ist man bei Morigenos überzeugt.