Die Corona-Pandemie wirkt in Österreich noch immer nach – auch für Ex-Gesundheitsminister Rudi Anschober. Im Rückblick spricht er offen über Fehler, politische Spannungen und die Folgen für die Gesellschaft.
Die Zeit als Minister beschäftigt ihn bis heute intensiv. "Es vergeht auch heute kein Tag ohne Rückmeldungen zu meiner Arbeit während der Pandemie. 90 Prozent davon sind positiv, aber es gibt auch Beschimpfungen und Bedrohungen auf Plattformen", erklärt Anschober im Interview mit dem "Standard".
Für ihn steht jedenfalls fest: Die Pandemie muss umfassend aufgearbeitet werden – und zwar nicht nur national. "Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir eine seriöse wissenschaftliche Aufarbeitung brauchen werden, die europaweit durchgeführt werden soll. In allen Mitgliedsstaaten läuft eine ähnliche Debatte", sagt der ehemalige Gesundheitsminister gegenüber der Tageszeitung.
Als geeignete Institution sieht er das European Centre for Disease Prevention and Control. Dort könne analysiert werden, "welche sich bewährt haben und welche nicht". "Denn eine Pandemie kann man nicht nur national bekämpfen. Diese nächste Pandemie, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, wird früher oder später kommen, davon bin ich überzeugt. Das Risiko steigt", sagt Anschober zum "Standard".
Dass Corona die Gesellschaft so stark gespalten hat, überrascht ihn nicht. "Diese Pandemie hat uns alle extrem herausgefordert", erklärt der Ex-Minister in der Tageszeitung. Anfangs habe es noch ein gemeinsames Vorgehen gegeben, doch das sei rasch gekippt.
"Aus einem relativ guten Start im Sinne eines solidarischen Vorgehens, als alle Parteien an Bord waren und gemeinsam Beschlüsse getroffen haben, ist relativ rasch eine parteipolitische Auseinandersetzung geworden", wird der 65-Jährige in der Tageszeitung zitiert.
Das habe wesentlich zur Verschärfung der Stimmung beigetragen. Auch eigene Fehler räumt der ehemalige Minister im "Standard"-Interview ein. "Jede Regierung der Welt hat Fehler gemacht, auch die österreichische Bundesregierung, auch ich selbst", so Anschober. Besonders schwer wiege, dass man auf eine solche Krise nicht vorbereitet gewesen sei.
"Das waren teilweise handwerkliche Fehler, der größte Fehler aber war, dass Österreich auf eine solche Krise schlicht nicht vorbereitet war. Wir mussten uns erst während der Pandemie alles erarbeiten, die Strukturen, auch gesetzliche Notwendigkeiten", erklärt der ehemalige Gesundheitsminister gegenüber der Tageszeitung.
Ein entscheidender Bruch sei im Sommer 2020 passiert. Damals sei die Situation unterschätzt worden, gleichzeitig habe die politische Instrumentalisierung zugenommen. "Uns ist es in diesem Sommer 2020 nicht gelungen, die unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft wieder zusammenzuführen. Da waren parteipolitische Einzelinteressen stärker. Das war der Ausgangspunkt und ab da ist dieser Bruch immer stärker geworden. Da war eine Dynamik, die nicht mehr zu stoppen war", gibt Anschober im "Standard" zu verstehen.
Für die Zukunft fordert Anschober daher mehr Dialog. Nach einer wissenschaftlichen Aufarbeitung brauche es Gespräche im ganzen Land, um die Gräben zu überwinden. Ziel müsse sein, wieder besser miteinander zu reden und Verständnis zu schaffen.
Eines ist für Rudi Anschober jedenfalls klar: Die nächste Pandemie wird kommen – und darauf müsse Österreich besser vorbereitet sein.