Kosten des Ukraine-Kriegs

"Die Preise erdrücken uns" – Russen schildern ihre Not

Inflation, Steuererhöhungen – die steigenden wirtschaftlichen Kosten des Kreml-Krieges setzen die russische Bevölkerung immer mehr unter Druck.
Newsdesk Heute
24.02.2026, 13:35
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Die russische Führung hatte eine wenige Tage dauernde Militäroperation geplant. Am Dienstag geht Wladimir Putins großangelegte Invasion der Ukraine in ihr fünftes Jahr. Sie dauert bereits deutlich länger als der brutale Krieg Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion, den in Russland sogenannten Großen Vaterländischen Krieg (1941–1945) – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Die russischen Behörden veröffentlichen keine Opferzahlen der Kreml-Kriegstreiberei, sie sind Staatsgeheimnis. Unabhängige Journalisten von MediaZona und BBC Russia konnten bis 13. Februar die Namen von 177.433 Gefallenen ausfindig machen. Der wahre Blutpreis von Putins Krieg dürfte deutlich höher ausfallen.

"Bislang haben viele Russen so getan, als handele es sich um einen weit entfernten Krieg, der sie nicht betrifft. Das wird immer schwieriger. Die Folgen sind allgegenwärtig. Am dramatischsten sind jedoch die menschlichen Kosten", berichtet der BBC-Korrespondent in Moskau, Steve Rosenberg, am Montag. "In meinen Gesprächen mit Russen sprechen immer mehr Menschen über Familienmitglieder, Freunde oder Bekannte, die in diesem Krieg verwundet oder getötet wurden."

Die enormen Verluste werden auch im Alltagsleben der russischen Bevölkerung für alle immer sichtbarer: "In vielen der Städte und Dörfer, die ich in den vergangenen zwei Jahren besucht habe, gibt es Museen und Denkmäler, die den in der Ukraine getöteten Soldaten gewidmet sind, sowie separate Bereiche für die jüngsten Kriegsopfer auf den örtlichen Friedhöfen."

"Die Stromrechnungen erdrücken uns"

Bei einem Lokalaugenschein in Jelez, einer Stadt, die näher an der Ukraine als an Moskau liegt, trifft er Irina. "Der Mann meiner Freundin wurde dort im Kampf getötet. Der Sohn meines Cousins ebenfalls. Und mein Enkel", erzählt zwischen Plakaten und Wandbildern, die mit einer Prämie von umgerechnet mehr als 17.000 Euro zum Kriegsdienst locken. "Viele Menschen wurden getötet. Diese Jungs tun mir leid."

Irina arbeitet als Fahrkartenkontrolleurin am Busbahnhof. Sie hat Mühe, über die Runden zu kommen: "Die Stromrechnungen erdrücken uns. Die Preise sind erdrückend. Es ist sehr schwer, über die Runden zu kommen", schildert sie dem britischen Korrespondenten. Obwohl sie knapp bei Kasse ist, organisiert sie immer wieder Hilfspakete für die russischen Soldaten an der Front.

Den Krieg gegen die Ukraine kritisiert sie nicht, verstehen kann sie ihn aber auch nicht: "Im Großen Vaterländischen Krieg wussten wir, wofür wir kämpften. Ich bin mir nicht sicher, wofür wir jetzt kämpfen."

Die Region Lipezk, in der Jelez liegt, ist nur rund 250 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt und damit auch in Reichweite ukrainischer Drohnenangriffe. In der Umgebung haben die Behörden Notunterkünfte eingerichtet. "Fast jede Nacht heulen die Sirenen. Aber ich verlasse mein Gebäude nicht. Wir gehen einfach in den Flur, wo es keine Fenster gibt."

Die Bevölkerung muss zahlen

Kriege sind kostspielig und der Kreml brennt sich wie ein Raketentriebwerk durch seine ehemals stattlichen Finanzreserven. Das Haushaltsdefizit wächst und die Wirtschaft stagniert, ihr droht sogar trotz der enormen Kriegsausgaben 2026 eine Rezession.

Dennoch muss Geld her – dazu wird jetzt die Bevölkerung ausgepresst. Die russische Regierung hat die Mehrwertsteuer von 20 auf 22 Prozent erhöht. Das Finanzministerium erklärte öffentlich, dass die Mehreinnahmen für "Verteidigung und Sicherheit" gebraucht würden.

Das Staatsfernsehen bittet die gebeutelte Öffentlichkeit um Nachsicht und Verständnis: "Wir leben in Kriegszeiten: einem Krieg, der uns vom Westen aufgezwungen wurde. Wir müssen ihn gewinnen, und ohne Kriegsbudget kommen wir nicht aus", erklärte Fernsehmoderator Dmitri Kisseljow den Zuschauern. Kisseljow wurde von Putin persönlich im Jahr vor der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim zum Chef eines gewichtigen Teils des staatlichen Medienimperiums befördert. Er ist einer der führenden Köpfe russischer Propaganda.

"Was bleibt dann übrig?"

Den unzähligen kleinen Unternehmen im Land ist das kein Trost. Anastasia Bikowa, die Inhaberin einer Bäckerei in Jelez, klagt gegenüber Rosenberg über den steigenden finanziellen Druck: "Wir mussten die Preise erhöhen, weil unsere Nebenkosten, Mieten und Steuern gestiegen sind. Und durch die Mehrwertsteuererhöhung sind unsere Zutaten teurer geworden. Stellen Sie sich vor, wir müssten alle schließen: unsere Bäckerei und das Restaurant gegenüber. Wir versuchen, unsere Stadt schön zu gestalten. Aber wenn wir schließen, was bleibt dann übrig? Nur ein dunkelgrauer Fleck."

"Wenn ich jünger wäre, würde ich dort kämpfen"

Szenenwechsel. Eine Autostunde von Jelez entfernt, in der Regionalhauptstadt Lipezk, trifft Rosenberg einen Bewohner eines Wohnblocks. Der Lift ist hinüber, die Wände wegen eines undichten Rohrs voller Eis. Der Pensionist ist wütend, dass niemand das Problem repariert. Er schimpft auch über hohe Preise und steigende Nebenkosten. Glaubt er, dass der Krieg daran schuld ist?

"Wenn ich jünger wäre, würde ich dort kämpfen gehen. Die militärische Sonderoperation ist ausgezeichnet", sagt Ivan Pawlowitsch zu dem britischen Reporter. "Nur steigen die Preise ständig. Die Renten werden erhöht, aber dann steigen die Preise noch stärker. Was habe ich also davon? Nichts."

Auch er muss zugeben, dass sein Leben komfortabler wäre, würde sein Land den Krieg beenden: "Sie geben viel Geld dafür aus. Die Menschen geben auch, was sie können. Wir müssen helfen. Ich beschwere mich nicht."

"Harren aus, in Hoffnung auf bessere Zeiten"

Das Fazit des BBC-Korrespondenten ist ernüchternd: "Die Russen spüren, dass das Leben immer schwieriger wird. Nur wenige glauben, dass sie daran etwas ändern können. Im fünften Kriegsjahr herrscht wenig Optimismus. Viele Menschen hier verharren in ihrer gewohnten Umgebung und warten ab, in der Hoffnung auf bessere Zeiten."

{title && {title} } red, {title && {title} } 24.02.2026, 13:35
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