4 Jahre Ukraine-Krieg

Marko (25) verlor beide Beine: "Wollte in Krieg zurück"

Der Ukraine-Krieg geht in sein fünftes Jahr. ORF-Korrespondent Christian Wehrschütz spricht mit Kriegsinvaliden, die dennoch Ja zum Leben sagen.
Newsdesk Heute
23.02.2026, 15:15
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Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine geht am Dienstag (24. Februar) in sein fünftes Jahr – und bleibt einer der verlustreichsten Konflikte in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Seit Kriegsbeginn sind Hunderttausende Menschen gestorben, Millionen Ukrainer mussten fliehen. Ein rasches Ende ist weiterhin nicht in Sicht.

"Das Leben in der Ukraine ist sogar gefährlicher geworden, weil die Zahl der Luftangriffe zuletzt zugenommen hat", sagt ORF-Reporter Christian Wehrschütz im Interview mit "Guten Morgen Österreich". Der Grazer berichtet seit zwölf Jahren aus der Ukraine.

Was Moskau ursprünglich als kurzfristigen Waffengang plante, dauert inzwischen länger als der Große Vaterländische Krieg der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland. Massive Luftangriffe zerstören weiterhin Infrastruktur und fordern zivile Opfer.

Ein Beispiel für die unmittelbaren Folgen des Krieges ist Marko Kondratjuk. Der heute 25-jährige Ukrainer verlor im Kampfeinsatz beide Beine bis zu den Oberschenkeln. Fast zwei Jahre dauerte seine Rehabilitation, er musste 48 Operationen über sich ergehen lassen.

Heute arbeitet er in einem Ausbildungszentrum der Polizei in Odessa und vermittelt jungen Rekruten die Realität des Kriegseinsatzes.

Marko Kondratjuks Schicksal verdeutlicht, welche langfristigen Auswirkungen der Krieg auf die ukrainische Gesellschaft hat.
Screenshot ORF

"Wenn es meine Frau nicht gegeben hätte, die ich nach meiner Verletzung getroffen habe, würden wir jetzt hier nicht sprechen. Ich wollte nämlich nicht im Krankenhaus liegen. Ich wollte zurück in den Krieg. Ich wollte zu meinen Jungs zurück. Das hat mich sehr belastet. Aber meine Frau hat so viel in mich investiert, dass ich wieder ins zivile Leben zurückgekehrt bin und das ist jetzt meine Arbeit. Ich liebe sie und vermittle sehr wichtige Dinge", erzählt er.

Auf die Frage nach seinen persönlichen Zielen antwortet er: "Ich möchte Neuschwanstein im Winter besuchen. Als Kind habe ich dieses Schloss einmal auf einem Bild gesehen und mich darin verliebt – und ich möchte zu einem Konzert von Rammstein gehen".

Sein Schicksal verdeutlicht, welche langfristigen Auswirkungen der Krieg auf die ukrainische Gesellschaft hat.

ORF-Reporter Christian Wehrschütz im Interview mit Marko Kondratjuk.
Screenshot ORF

Militärisch bleibt der Donbass weiterhin ein zentrales Ziel der russischen Führung. Doch zu Beginn des fünften Kriegsjahres ist die angestrebte vollständige Kontrolle über das Industrierevier weiter nicht erreicht. Zwar stehen rechnerisch nur noch etwas mehr als zehn Prozent der Regionen Donezk und Luhansk unter ukrainischer Kontrolle.

Gleichzeitig verfügt die ukrainische Armee mit dem festungsartig ausgebauten Städtegürtel von Kostjantyniwka über Druschkiwka und Kramatorsk bis nach Slowjansk über stark befestigte Verteidigungsstellungen.

"Der Friedenswunsch ist natürlich enorm", sagt Wehrschütz. "Es ist auch so, dass zwischen der Einsatzbereitschaft oder der Kampfbereitschaft, die verbal geäußert wird oder dem Widerstandswillen, und der Realität vor Ort doch auch eine beträchtliche Lücke klafft, was die Zahl von Fahnenflüchtigen zeigt bzw. von Menschen, die nicht einrücken wollen."

Statt klarer Frontlinien entstehen zunehmend "größere Grauzonen, in denen beide Seiten mit wechselndem Erfolg versuchen, die Oberhand zu gewinnen", wie ukrainische Militärbeobachter des Portals "DeepState" beschreiben. Russische Einheiten versuchen vermehrt, mit kleinen Infanteriegruppen – teils auf Motorrädern – hinter dünn besetzte Linien vorzudringen.

Prognosen gehen davon aus, dass bei dem bisherigen Eroberungstempo "bis zu zwei Jahre harter und verlustreicher Kämpfe um die bereits jetzt stark zerstörten Industriegebiete" bevorstehen könnten. Moskau fordert im Rahmen von Verhandlungen unter US-Vermittlung einen freiwilligen Rückzug Kiews aus diesen Gebieten, was die Ukraine angesichts der militärischen Lage klar ablehnt.

Wehrschütz: "Ein positives Zeichen ist, dass es offensichtlich Arbeitsgruppen gibt, hinter diesen Verhandlungen, die wir sehen ... aber wie man über diese schwierigen Punkte wie Territorialfragen, auch westliche Sicherheitsgarantien hinwegkommt, das müssen wir den Selenski, den Putin, den Witkoff und den Trump fragen. Die seriöseste Antwort dürfte also sein: 'Schauen wir einmal'".

Auch politisch wächst der Druck auf Russland. Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte: "Wir müssen den Druck auf Russland aufrechterhalten. Wir müssen ihn sogar erhöhen. Wir müssen Moskaus Kriegsfinanzierung austrocknen." Gleichzeitig kündigte er an: "Das 20. Sanktionspaket (...) der Europäischen Union wird morgen, am vierten Jahrestag dieses Krieges, verabschiedet werden."

Russland warf er "Barbarei" vor: "Putin wird seinen Feldzug nicht beenden, auch wenn die Ukraine aufgibt und kapituliert", so Merz. Bereits jetzt seien russische Drohungen und hybride Angriffe – etwa im Baltikum, in der Ostsee und in ganz Europa, auch in Deutschland – spürbar.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 23.02.2026, 16:56, 23.02.2026, 15:15
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