Im Zeremoniensaal der Hofburg fand am Mittwoch der traditionelle Neujahrsempfang von Bundespräsident Alexander Van der Bellen für das Diplomatische Corps statt. In seiner Rede versuchte er wie immer, das Jahr Revue passieren zu lassen – eine Aufgabe, die immer schwieriger wird.
Vergangenes Jahr sprach Van der Bellen von "interessanten Zeiten", in denen wir leben. "Nun, das tun wir immer noch." Wir leben nicht nur in Zeiten des Wandels, sondern in Zeiten eines regelrechten Wirbelsturms des Wandels.
Allen voran wäre das der russische Angriffskrieg, der "noch brutaler" geworden sei, "mit Angreifern, die täglich unerbittlich Menschen töten und gezielt zivile Infrastruktur angreifen, insbesondere energiebezogene Einrichtungen, wodurch große Teile der ukrainischen Zivilbevölkerung Kälte und Dunkelheit ausgesetzt sind."
Ein fragiler Frieden in Gaza, das Leiden der Zivilbevölkerung dort, der wieder aufgeflammte Krieg im Sudan oder einmal mehr die gewaltvolle Niederschlagung von legitimen Protesten im Iran mit tausenden Toten. "Und die unverhohlenen Versuche eines einstigen Freundes, Grönland zu übernehmen, ein Gebiet, das Teil Dänemarks ist, eines engen Verbündeten sowie verlässlichen NATO- und EU-Mitgliedstaates."
Noch viel größer und beunruhigender als diese ganzen Konflikte sei aber ein anderer Umstand: "Die Rückkehr der Machtpolitik in vielen Teilen der Welt."
Manch Großmacht hält es wieder für legitim, Gewalt und Zwang gegen kleinere Staaten anzuwenden. Deswegen sei klar: "Europa darf sich nicht spalten lassen, weder durch Kräfte von innen noch von außen. Europa braucht einen Europa-Patriotismus, ein Gefühl – eine Gewissheit – des Zusammengehörens, des gegenseitigen Einstehens."
An die Vertreter der Botschaften von Ländern außerhalb appelliert er, an die hohe Kunst der Diplomatie zu glauben. "Das bedeutet: miteinander zu sprechen. Einander zuzuhören. Die Kunst der Verhandlung über alles andere zu stellen: über Machtpolitik, über das Militärische, über den Einsatz von Zöllen als politisches Instrument."
"Denn am Ende profitieren alle Länder, große wie kleine, von einer Welt des Friedens, des Wohlstands und der Gerechtigkeit. Und alle Länder verlieren, wenn sie von einer Welt der Instabilität und Armut umgeben sind."