Pro Jahr erkranken in Österreich etwa 1.500 bis 1.800 Menschen an Bauchspeicheldrüsenkrebs (Pankreaskrebs). Das sind rund 3 bis 4 Prozent aller jährlichen Krebsdiagnosen. Trotzdem er nur relativ selten auftritt, zählt er zu den tödlichsten Krebsarten, denn die Überlebenschancen zählen leider zu den schlechtesten unter allen Krebsarten – auch in Österreich.
Die 5-Jahres-Überlebensrate beträgt etwa 10–12 %. Das bedeutet: Nur etwa jeder zehnte Patient lebt fünf Jahre nach der Diagnose noch.
Zum Vergleich: Durchschnitt aller Krebsarten in Österreich: rund 63 %. Pankreaskrebs liegt also deutlich darunter.
Deshalb wird die Krankheit oft erst erkannt, wenn sie schon fortgeschritten ist.
Leider sind nur etwa 10–20 % der Fälle operabel bei Diagnose.
Bis jetzt setzen die Ärzte meist auf Operationen oder eine Chemotherapie, um die Krankheit zu bekämpfen. Künftig könnte eine weitere Behandlungsform dazukommen. Bei einer Konferenz der American Association for Cancer Research haben Mediziner vom Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York (USA) vielversprechende Ergebnisse vorgestellt. Sie testeten eine neuartige mRNA-Impfung an Patientinnen und Patienten.
Das Ergebnis: Sieben Personen, deren Immunsystem durch die Impfung aktiviert wurde, sind auch Jahre nach der Behandlung noch wohlauf.
Eine dieser Patientinnen erkrankte mit 66 Jahren. Im Rahmen der Studie bekam sie insgesamt neun Impfdosen. Heute, mit 72 Jahren, ist sie immer noch fit. "Es gibt keine Einschränkungen hinsichtlich dessen, was ich tun kann", wird sie in einer Mitteilung zitiert. "Für mich ist das ein absolutes Wunder."
Ein weiterer Patient der Phase-1-Studie genießt die ihm geschenkten zusätzlichen Lebensjahre. Der Wirtschaftsprüfer aus Staten Island erhielt die Diagnose 60-jährig im Jahr 2020. Als er erfuhr, dass er ein idealer Kandidat für die klinische Studie wäre, zögerte er nicht. Wie Donna empfand auch er die anschließende Chemotherapie als belastender als die Impfung und die Immuntherapie. Er schloss seine Behandlung Mitte 2021 ab und nahm schnell wieder ein aktives Leben auf. Jetzt, mit 67 Jahren, zeigen seine regelmäßigen Kontrolluntersuchungen – mehr als fünf Jahre nach seiner Diagnose – keinerlei Anzeichen für ein Wiederauftreten des Krebses.
Der neue Ansatz ist eine sogenannte therapeutische Krebsimpfung. Diese soll nicht vorbeugend wirken, sondern das Fortschreiten oder ein Wiederauftreten des Krebses verhindern. Besonders daran ist, dass der Impfstoff für jede Person individuell angefertigt wird – und zwar aus genetischem Material, das direkt aus dem Tumor stammt, der bei einer Operation entfernt wurde.
So soll das Immunsystem lernen, den Krebs zu erkennen und sich daran zu erinnern. Die so trainierten Zellen können dann jahrelang, vielleicht sogar jahrzehntelang, im Körper überleben und einen Rückfall verhindern.
Die aktuellen Ergebnisse stammen aus einer Phase-I-Studie mit 16 Teilnehmern. Bei diesen konnte der Krebs noch operativ entfernt werden, da er noch keine Metastasen gebildet hatte. Alle Studienteilnehmer bekamen zusätzlich zur Impfung eine Immun- sowie Chemotherapie.
Noch ist aber nicht klar, ob ein mRNA-Impfstoff auch bei Patienten hilft, die schon ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben. Das Forschungsteam rund um den Onkologen Vinod Balachandran hat inzwischen eine weltweite Phase-II-Studie gestartet.
In klinischen Studien der Phase I wird ein neues Arzneimittel erstmals an einer kleinen Gruppe freiwilliger, gesunder Personen untersucht, um seine Sicherheit und Verträglichkeit zu prüfen.
In der darauffolgenden Phase II, an der in der Regel 100 bis 300 Teilnehmende beteiligt sind, wird sowohl die Sicherheit als auch die Wirksamkeit des Medikaments genauer untersucht. Ziel ist es, erste Hinweise auf den therapeutischen Nutzen zu erhalten und das zugrunde liegende Behandlungskonzept zu bestätigen.
Die Phase III stellt schließlich die letzte Stufe der klinischen Entwicklung dar. In diesen Studien werden die entscheidenden Daten erhoben, die für die Zulassung des Medikaments notwendig sind, insbesondere zum Nachweis seiner Wirksamkeit.
Vor zehn Jahren beschloss Dr. Balachandran, sich auf einen Hoffnungsschimmer bei Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs zu konzentrieren: Eine kleine Gruppe hatte es geschafft, die Krankheit zu besiegen und zu überleben. Er fragte sich, was sie von anderen unterschied.
Sein Team analysierte die Tumore der Überlebenden und stellte fest, dass diese eine besonders hohe Anzahl an Immunzellen, insbesondere T-Zellen, enthielten. Er vermutete, dass die Tumorzellen offenbar ein Signal aussendeten, das die T-Zellen alarmierte und sie dazu veranlasste, den Krebs anzugreifen.
Dr. Balachandran fand heraus, dass es sich bei diesen Signalen um einzigartige Proteine, sogenannte Neoantigene, handelt. Bei der Zellteilung von Tumorzellen reichern sich genetische Mutationen an, die wiederum zur Bildung von Neoantigenen führen. Diese Neoantigene können von T-Zellen als fremd erkannt werden, was eine Immunreaktion auslöst.
"Bei den meisten Menschen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs werden diese Neoantigene von den Immunzellen nicht erkannt, sodass das Immunsystem die Tumorzellen nicht als Bedrohung wahrnimmt", erklärt er. "Wir haben jedoch beobachtet, dass die Neoantigene bei Langzeitüberlebenden von Bauchspeicheldrüsenkrebs anders sind – sie blieben nicht unbemerkt. Sie enttarnten die Tumore quasi für die T-Zellen, sodass diese sie erkennen konnten."
Die Forscher waren überrascht und erfreut zu erfahren, dass die Neoantigen-erkennenden T-Zellen bei diesen seltenen Patienten bis zu zwölf Jahre nach der operativen Entfernung der Pankreastumoren weiterhin im Blut zirkulierten. Die T-Zellen hatten ein Gedächtnis für die Neoantigene als Bedrohung entwickelt.
Diese Erkenntnisse über den Immunschutz bei Langzeitüberlebenden von Bauchspeicheldrüsenkrebs wurden im November 2017 im Fachmagazin Nature veröffentlicht.