Auch beim besten Freund des Menschen kommt es vor, dass Jungtiere getötet werden. Die Wiener Verhaltensforscherin Melissa Vanderheyden vom Konrad-Lorenz-Institut für vergleichende Verhaltensforschung an der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat nun so einen Fall in der Fachzeitschrift "Ecology and Evolution" beschrieben.
Eine frei lebende Hündin in Marokko hat alle sechs neugeborenen Welpen einer nah verwandten Rudelgenossin getötet. Das Team rund um Vanderheyden vermutet, dass die dominante Hündin damit die Konkurrenz für ihre eigenen, bald zur Welt kommenden Jungen ausschalten wollte. Denn zum Zeitpunkt der Tat war die Hündin selbst trächtig.
Die Täterin heißt "Fig" und streunt mit ihrem Rudel durch die marokkanische Küstenstadt Tamraght. Ein Forscherteam beobachtet dieses Rudel schon seit fast zehn Jahren. Etwa eineinhalb Monate vor dem Vorfall war die bisherige Alphahündin, die das Rudel angeführt hatte, verschwunden. "Fig" übernahm daraufhin die Führung, wie die Forscher berichten: "Das Töten der Welpen könnte auch dazu gedient haben, ihre neue Position zu festigen", heißt es in einer Aussendung.
Die Mutter der sechs Welpen, Hündin "Anna", die laut Erbgutuntersuchung vermutlich "Figs" Nichte ist, säugte gerade ihre Jungen. "Zehn Minuten später steckte Fig ihren Kopf in den Bau, in dem sich Anna und ihre neugeborenen Welpen befanden", steht in der Fachpublikation: "Anna knurrte, griff aber nicht ein, als 'Fig' den ersten Welpen mitnahm. Sie tötete und fraß ihn vier Meter vor dem Bau." Eine Stunde und zehn Minuten später waren auch die anderen fünf Welpen von "Anna" von "Fig" getötet und teilweise gefressen worden.
Die Forscher schließen einen Kalorienmangel als Motiv aus: "Auf Grundlage unserer Beobachtungen denken wir nicht, dass die Hündin am Nährwert der Welpen interessiert war", so Vanderheyden.
„Wir erfassten täglich Körperwerte, die den körperlichen Zustand aller Weibchen abbilden. 'Fig' hatte die höchsten Werte in der Gruppe. Sie hungerte also nicht. Wenn überhaupt, war sie übergewichtig.“
Viel wahrscheinlicher wollte sie die Konkurrenz für ihre eigenen Nachkommen beseitigen: "Ältere Welpen haben Vorteile gegenüber jüngeren: Sie sind größer und stärker", erklärt die Verhaltensforscherin. Es sei daher möglich, dass die dominante Hündin diesen Vorsprung des Nachwuchses ihrer Rudelgenossin nicht dulden wollte.
Normalerweise versuchen untergeordnete Weibchen, das Risiko für ihre Welpen zu verringern, indem sie ihre Geburten nach denen des Alphaweibchens planen. So wird der Anreiz zur Auslöschung des eigenen Nachwuchses vermindert. "Anna" hatte allerdings vor der dominanten Hündin geworfen, und so wurde erstmals von Kindstötung (Infantizid) bei weiblichen Haushunden beobachtet.
Solches Verhalten ist bei anderen Hundeartigen und Säugetieren weitverbreitet. Kindstötungen durch Weibchen wurden schon bei Wildhunden, Kojoten, Wölfen, Schakalen und Füchsen, aber auch bei Affen, Bären, Ratten, Mäusen, Kaninchen, Robben, Hyänen, Zebras, Fledermäusen, Wildschweinen, Meerschweinchen, Hamstern und Lemmingen gesehen. "Das deutet darauf hin, dass dieses Verhalten ein ursprüngliches Merkmal sein könnte, das Haushunden erhalten geblieben ist", heißt es.