Dieses Telefonat dauerte deutlich länger als erwartet! Eigentlich hatten Finnlands Präsident Alexander Stubb und Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre für ihr Gespräch mit Russlands Präsident Wladimir Putin nur 20 Minuten eingeplant. Doch daraus wurde eine eineinhalbstündige Unterredung über den Ukraine-Krieg.
Am Dienstag (27. Oktober) sprachen die beiden nordischen Staatsmänner überraschend lange mit dem Kremlchef. Insgesamt 90 Minuten soll das Telefonat gedauert haben – mehr als viermal so lange wie ursprünglich vorgesehen. Am Mittwoch berichtete Støre nun über den ungewöhnlich langen Austausch und erklärte, welche Botschaften Putin zu hören bekam.
"Es war ein Gespräch von 90 Minuten. Es war substanziell, wir sind auf die Themen eingegangen. Es war professionell", schilderte Støre gegenüber dem norwegischen Sender NRK. Eine Annäherung der Positionen wollte der Premierminister daraus allerdings nicht ableiten. Im selben Atemzug betonte er, dass zwischen Russland und den beiden nordischen Ländern weiterhin große Meinungsverschiedenheiten bestehen.
Das Gespräch verlief nach seiner Darstellung ruhig und geordnet. Die Teilnehmer hätten nacheinander gesprochen, ihre Aussagen seien jeweils zwischen Englisch und Russisch übersetzt worden. Warum sich das ursprünglich auf 20 Minuten angesetzte Telefonat so stark verlängerte, wurde nicht im Detail erläutert.
Støre machte am Mittwoch deutlich, dass er und Stubb den russischen Präsidenten nicht bloß zu einem allgemeinen Meinungsaustausch angerufen hatten. "Er bekam sehr klare Botschaften", erklärte der norwegische Regierungschef. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie der seit Jahren andauernde Krieg beendet werden könnte.
"Wir haben uns darauf konzentriert, nach vorne zu schauen: Was muss geschehen, damit dieser Krieg nicht endlos über Monate weitergeht, während Menschen sterben und eine Lösung immer schwieriger wird?", sagte Støre.
Er machte allerdings keinen Hehl aus seinen begrenzten Erwartungen: "Ich glaube nicht, dass er seine Meinung ändert, aber er bekommt unseren Standpunkt sehr deutlich zu hören."
Der norwegische Regierungschef begründete die Initiative auch damit, dass Europa bei den Gesprächen mit Moskau nicht ausschließlich auf Washington vertrauen dürfe. "Die USA können nicht die einzige Stimme sein", betonte Støre.
Er befürchte, dass wichtige europäische Positionen den russischen Präsidenten möglicherweise nicht erreichten, wenn ausschließlich amerikanische Vertreter mit ihm sprächen.
Das Telefonat war damit auch der Versuch, die Sichtweise zweier europäischer Nachbarstaaten Russlands direkt zu vermitteln. Allerdings stellten Stubb und Støre klar, dass sie nicht im Namen der gesamten Europäischen Union oder aller europäischen Staaten auftraten.
Auch Finnlands Präsident Alexander Stubb verteidigte die ungewöhnliche Kontaktaufnahme mit dem Kreml. "Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine muss beendet werden. Alle leiden unter seinen Folgen, und eine militärische Lösung ist nicht in Sicht", erklärte er.
Der Ausgang des Krieges betreffe unmittelbar die Sicherheit Finnlands, Norwegens und ganz Europas. Daraus leitet Stubb die Notwendigkeit direkter Gespräche ab: "In dieser Phase wird Frieden nicht dadurch erreicht, dass man den Dialog vermeidet. Um den Krieg zu beenden, braucht es direkte Gespräche."
Zugleich betonte der finnische Präsident, dass die Unterstützung seines Landes für die Ukraine unverändert bleibe. Das Ziel sei ein gerechter und dauerhafter Frieden.
Bei dem langen Gespräch brachten Stubb und Støre nach eigenen Angaben drei Bereiche zur Sprache, in denen sie eine Entspannung erreichen wollen.
Erstens sollen Angriffe auf die Energieversorgung und andere wichtige Infrastruktur zurückgehen. Zweitens geht es um Angriffe, die den Transport ukrainischen Getreides gefährden. Drittens drängen die beiden auf weitere Austausche von Kriegsgefangenen.
Støre räumte allerdings ein, dass diese Themen nicht bis ins Detail verhandelt wurden. Konkrete Vereinbarungen über die Umsetzung wurden nicht bekannt. Putin habe seinerseits darauf hingewiesen, dass weiterhin offene Fragen in Verhandlungen geklärt werden müssten.
Bemerkenswert ist auch, dass die Initiative nach Angaben der beiden Regierungschefs mit der Ukraine abgestimmt war. Støre erklärte am Mittwoch, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj habe die beiden sogar um den Kontakt mit Putin gebeten.
Bereits vor dem Telefonat seien ukrainische Positionen übermittelt worden. Nach den 90 Minuten mit dem Kremlchef sprachen Stubb und Støre auch mit Selenskyj.
Der finnische Präsident bestätigte den anschließenden Austausch: "Wir haben über unser vorheriges Gespräch mit Präsident Putin gesprochen. Finnland und Norwegen werden die Ukraine und die Bemühungen um einen gerechten und dauerhaften Frieden weiterhin unterstützen."
Aus Kyjiw kamen positive Signale zur Kontaktaufnahme. Andere europäische Regierungschefs äußerten dagegen Kritik, darunter Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.
Der Zeitpunkt des ungewöhnlich langen Telefonats ist kein Zufall. Für November werden in Abu Dhabi neue Gespräche zwischen Vertretern Russlands, der Ukraine und der USA erwartet. Es könnten die ersten direkten Treffen der Kriegsparteien in diesem Format seit Februar sein.
Ob und wann diese Gespräche tatsächlich stattfinden, war zunächst noch offen. Auch über die genaue Zusammensetzung der Delegationen lagen keine endgültigen Informationen vor.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow erklärte, das Telefonat habe inhaltlich nichts Neues gebracht. Nach russischer Darstellung wollten die europäischen Staaten vor allem wieder eine Rolle im diplomatischen Prozess spielen.
Støre und Stubb bewerten den direkten Kontakt dagegen als notwendig, um ihre Positionen deutlich zu machen. Dass Putin so lange am Telefon blieb, ist bemerkenswert – ob das Gespräch tatsächlich einen Fortschritt auf dem Weg zum Frieden brachte, bleibt jedoch offen.