Der geplante Lobautunnel als Teil der Wiener Nordostumfahrung sorgt erneut für Diskussionen. Während die ASFINAG im Frühjahr mit Bauarbeiten für den S1-Abschnitt Groß-Enzersdorf bis Süßenbrunn beginnen will – für den Abschnitt mit dem Lobautunnel laufen noch Verfahren – zweifelt ein Experte der TU Wien grundsätzlich am Nutzen des Milliardenprojekts.
Harald Frey vom Institut für Verkehrswissenschaften kritisiert gegenüber der APA, dass die Planungen auf veralteten Annahmen beruhen würden. Die Entscheidungsgrundlagen für den bereits 2009 eingereichten Lückenschluss seien aus heutiger Sicht nicht mehr aktuell – und seien es auch damals nicht gewesen.
Besonders die Verkehrsprognosen stellt Frey infrage. Damals wurde etwa angenommen, dass ohne S1 im Jahr 2025 täglich rund 30.000 Fahrzeuge durch Essling fahren würden. Tatsächlich sei der Verkehr dort zuletzt sogar zurückgegangen.
Auch die Idee, mit der S1 die stark belastete Südosttangente (A23) zu entlasten, sieht Frey kritisch. Für ihn folgt diese Logik einem alten Denkmuster: "Wenn man für diese Entlastungsstraße eine weitere Entlastungsstraße baue, dann folge man hier einer Argumentation wie vor 50, 60, 70 Jahren", so Frey zur APA. Die Kapazitätsgrenze werde bei der A23 vor allem deswegen erreicht, weil in den Autos zumeist nur eine Person sitze: "Wir fahren also zu vier Fünftel leer herum."
Statt neuer Autobahnen schlägt der Verkehrswissenschafter eine andere Lösung vor: eine stärkere Vernetzung der Umlandgemeinden rund um Wien – vor allem über die Schiene. Ein leistungsfähiges Schnellbahnsystem mit Park-&-Ride-Angeboten könnte Pendlern eine echte Alternative zum Auto bieten.
Auch gesellschaftliche Veränderungen spielen laut Frey eine Rolle. Seit der Corona-Pandemie sei der Verkehr Richtung Wien leicht zurückgegangen. Gründe seien unter anderem Homeoffice und flexiblere Arbeitszeiten.
Für Frey ist klar: Statt immer neuer Straßen brauche es vor allem bessere Bahnverbindungen rund um Wien.