Scrollen statt schlafen

Wie Alkohol! Was Handysucht wirklich mit uns macht

Nicht jeder Griff zum Smartphone ist problematisch – doch wenn Likes wichtiger werden als echte Gespräche, beginnt die Abhängigkeit.
Heute Life
23.02.2026, 11:27
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Ein kurzer Blick aufs Handy – und plötzlich sind 20 Minuten vergangen. Nachrichten checken, durch Social Media scrollen, schnell ein Video anschauen: Das Smartphone ist für viele längst ständiger Begleiter geworden. Doch wo endet praktische Vernetzung – und wo beginnt Abhängigkeit? Immer mehr Experten warnen vor den Folgen exzessiver Handynutzung, von Konzentrationsproblemen bis hin zu Schlafstörungen. Handysucht ist kein offizieller medizinischer Begriff, beschreibt aber ein Verhalten, das im Alltag vieler Menschen zunehmend spürbar wird.

Definition von Sucht

"Die Kriterien für eine Suchterkrankung sind unter anderem Kontrollverlust, Dosissteigerung und psychische und körperliche Entzugssymptome, zum Beispiel mit Gereiztheit oder Angstzuständen. Letzteres zeigt sich auch bei Handysucht und sieht durchaus so aus wie ein Alkohol-Entzugssyndrom. Im Spätstadium kann es sogar so sein, dass jemand sein gesamtes Leben auf das Mobiltelefon ausrichtet. Es treffen also auf die Handysucht sowohl im psychischen wie im physischen Bereich die Merkmale einer Suchterkrankung zu", erklärte Musalek, ehemals viele Jahre lang ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts und jetzt Leiter des Instituts für Sozialästhetik und Psychische Gesundheit der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien.

Es gehe nicht nur darum, ständig zum Handy zu greifen. Laut Musalek handelt es sich im Grunde um eine Social-Media-Sucht. Dabei seien vor allem die "als ob-Beziehungen" typisch, die man übers Handy durch ständiges Posten, Likes und Co. aufbaut. Ältere Menschen sind davon weniger betroffen, weil bei ihnen der soziale Druck nicht so groß ist. Sie erleben den für die Handysucht typischen Kontrollverlust eher selten. Aber bei Leuten zwischen 30 und 50 Jahren kann das schon vorkommen.

Eltern sind Vorbild für Kinder und Jugendliche

Besonders problematisch wird diese Form der Sucht für Kinder und Jugendliche. Der Experte erklärt: "Kinder und Jugendliche sagen zwar oft partout nicht das, was Erwachsene sagen. Aber sie machen den Erwachsenen alles nach." Erwachsene mit problematischem Handy-Gebrauch, vor allem Eltern, sind damit ein echtes Risiko für die nachkommende Generation, die sich das Verhalten abschaut. Dazu kommt, dass der soziale Druck unter Kindern und Jugendlichen besonders heftig ist. Der Psychiater sagt: "Mobbing hat es immer schon gegeben. Das lief zum Beispiel in einer Schulklasse ab. Jetzt hat das aber eine ganz andere Breitenwirkung." Heute könnten Kinder und Jugendliche plötzlich von Hunderten Gleichaltrigen über Social Media an den Pranger gestellt werden. "Das kann eine enorme Belastung sein."

Klassische Abhängigkeit

Ein weiteres Merkmal, das zeigt, dass Handysucht eine klassische Abhängigkeit ist: Sie tritt oft gemeinsam mit anderen psychischen Erkrankungen auf. Musalek erklärt: "Das sind typische Co-Morbiditäten (gleichzeitig vorliegende Erkrankungen; Anm.) wie depressive Zustände, Angststörungen oder Überlastungsreaktionen." Viele versuchen, genau diese psychischen Probleme durch das Suchtverhalten wie mit einer falschen "Selbstmedikation" zu bewältigen. Besonders bei Alkoholismus ist das bekannt – Depressionen, an denen jemand als Grunderkrankung leidet, werden dann mit Alkohol quasi "behandelt".

Es braucht Regeln – aber Kontrolle ist schwierig

In vielen Ländern, auch in Österreich, wird gerade über eine Altersgrenze für Social-Media-Nutzung am Handy diskutiert. Der Psychiater dazu: "Wir werden schon Regelungen brauchen. Wir haben ja auch eine Regelung mit dem Alterslimit für Alkoholkonsum. Das Problem liegt in der Kontrolle. Wir haben in Österreich ein Alterslimit für Alkohol von 16 Jahren. Das Einstiegsalter für den Konsum liegt aber zwischen dem 11. und dem 13. Lebensjahr. Ein Social-Media-Verbot allein wird das Problem nicht lösen."

Musalek sieht aber bereits erste Versuche, spezielle Therapien für Handysucht zu entwickeln: "Wir stehen da am Anfang. Wir haben aber auch sehr viel von den Betroffenen gelernt." Erfolge gab es etwa bei einem Pilotprojekt an einer Wiener Schule, wo drei Wochen lang "Handy-Fasten" ausprobiert wurde. "Es geht darum, Alternativen zum intensiven Social-Media-Gebrauch anzubieten. Nach dem Pilotversuch wurde berichtet, dass die Schüler mit dem Handy-Fasten wieder mehr direkt miteinander geredet und gespielt haben." Der "analoge" Kontakt sei einfach als psychisch belohnender empfunden worden.

{title && {title} } red, {title && {title} } 23.02.2026, 11:27
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