Der Österreichische Hausärzteverband (ÖHV) zeigt sich über das am 1. Juli präsentierte Reformpapier der Bundesregierung alles andere als erfreut. Aus Sicht der Hausärztinnen und Hausärzte setzt die geplante Reform ein deutliches Zeichen: Staatlich geförderte Primärversorgungszentren (PVZs) sollen weiter ausgebaut werden, während die bewährten Kassenordinationen ohne vergleichbare Förderung immer mehr ins Hintertreffen geraten.
Wie es in einer OTS-Aussendung heißt, sieht der Verband darin eine klare Benachteiligung für die klassischen Hausarztpraxen.
"Nicht die wohnortnahe Hausarztpraxis wird gestärkt, sondern ein massiv subventioniertes Parallelmodell. Das ist eine klare Wettbewerbsverzerrung", kritisiert die Präsidentin des ÖHV, MR Dr. Angelika Reitböck. "Klassische Kassenordinationen tragen ihr unternehmerisches Risiko selbst, PVZ werden mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert. Gleiche Leistungen – völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen."
Gerade die freiberuflichen Hausarztpraxen sorgen seit Jahrzehnten für den Großteil der medizinischen Grundversorgung in Österreich. Gleichzeitig steigen die Belastungen für die Hausärztinnen und Hausärzte ständig: Immer mehr Patientinnen und Patienten, zusätzliche Aufgaben aus den Spitälern, mehr Bürokratie, unbesetzte Kassenstellen und strenge Honorarlimits.
Besonders unverständlich ist für den ÖHV, dass Millionen Euro in den Ausbau von PVZs fließen, während bestehende Kassenordinationen keine vergleichbare Investitionsförderung erhalten. "Mit einer normalen Kassenhonorierung wären viele PVZs wirtschaftlich gar nicht zu betreiben. Die klassische Hausarztpraxis muss dagegen ohne Subventionen auskommen", so Reitböck.
Der Verband warnt davor, ein bewährtes System schrittweise durch ein teures Fördermodell zu ersetzen. Mit der klassischen Hausarztpraxis würden auch langfristige Arzt-Patienten-Beziehungen, die Versorgung in Wohnortnähe, die freie Arztwahl und die unabhängige medizinische Entscheidung massiv geschwächt.
Auch für die Versorgungssicherheit sieht der ÖHV Risiken: Fällt eine Einzelpraxis aus, können andere Ordinationen in der Nähe einspringen. Wenn aber ein großes PVZ ausfällt, kann gleich eine ganze Region betroffen sein.
Der ÖHV fordert deshalb eine Modernisierung des Kassenvertrags, eine faire und an die Inflation angepasste Honorierung, weniger Bürokratie und Honorarlimits sowie Investitionsförderungen auch für bestehende Hausarztpraxen.
"Wir sind nicht gegen Reformen. Aber Reformen dürfen nicht bedeuten, dass ein funktionierendes System durch ein staatlich subventioniertes Modell verdrängt wird. Moderne Kassenmedizin braucht faire Wettbewerbsbedingungen – keine politischen Gewinner und Verlierer", betont MR Dr. Angelika Reitböck.