Was bis in die 2010er-Jahre noch offen war, ist mittlerweile bestätigt: Das Bornavirus (Borna Disease Virus 1, kurz BoDV-1) kann Menschen schwer krank machen. Wie 20 Minuten berichtet, wurde das Virus, das man lange nur bei Tieren vermutet hat, erstmals in Bayern beim Menschen entdeckt. Im Jahr 2018 erkrankten dort drei Personen an einer Hirnentzündung und starben daran. Nun gibt es einen weiteren Fall aus Süddeutschland. Was ist über den gefährlichen Erreger bekannt?
Laut dem deutschen Robert-Koch-Institut gehören BoDV-1-Infektionen "zu den seltensten Erkrankungen in Deutschland". Man schätzt, dass es jährlich nur fünf bis zehn akute Fälle gibt – die meisten davon im ländlichen Bayern.
Das Risiko, sich anzustecken, wird als "allgemein sehr gering" bewertet. Gerade das macht das Virus aber auch tückisch. Denn so "hochgradig selten" das Bornavirus ist, so "hochgradig gefährlich" ist es auch, sagt Dennis Tappe, Bornavirusforscher am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Die meisten Bornavirus-Infektionen verlaufen tödlich." Berichten zufolge sterben etwa 90 Prozent der Betroffenen. "Die wenigen Menschen, die eine Bornavirus-Infektion überlebt haben, erlitten schwere neurologische Schäden und sind heute schwerstbehindert", so Tappe.
Die meisten Erkenntnisse stammen aus Bayern, wo über 90 Prozent der bisherigen Fälle in Deutschland aufgetreten sind. Laut dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) hatten die meisten Betroffenen anfangs Kopfschmerzen, Fieber und ein allgemeines Krankheitsgefühl. Schon nach wenigen Tagen traten neurologische Beschwerden auf – etwa Verhaltensauffälligkeiten, Probleme beim Sprechen oder Gehen. "Im weiteren Verlauf entwickelten die Erkrankten eine schwere Enzephalitis und fielen binnen Tagen bis Wochen in ein tiefes Koma."
Gefährlich ist die Infektion auch deshalb, weil sie erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt wird. Zu diesem Zeitpunkt sind oft bereits schwere neurologische Ausfälle aufgetreten und die Chancen auf eine Erholung sind gering. Eine gezielte Therapie gibt es derzeit nicht. Im Vordergrund steht daher eine intensivmedizinische Betreuung. Auch antivirale Medikamente können verabreicht werden.
Das Virus wird über Feldspitzmäuse (Crocidura leucodon) übertragen. Diese Tiere gelten als einziges bekanntes Reservoir für das Bornavirus. Sie selbst erkranken nicht, können das Virus aber ausscheiden. Wie genau die Übertragung funktioniert, ist noch nicht abschließend geklärt. Alle Ausscheidungen der Maus – also Kot, Harn und Speichel – gelten als infektiös. Laut LGL sind mehrere Übertragungswege möglich: zum Beispiel über verunreinigte Lebensmittel oder Wasser, das Einatmen von kontaminiertem Staub, Schmierinfektionen durch Erde oder auch durch direkten Kontakt mit einer Feldspitzmaus.
Das Virus wurde auch bei anderen Säugetieren wie Pferden, Schafen, Alpakas, Igeln und Bibern gefunden. Sie erkranken ebenfalls schwer, scheinen das Virus aber nicht so stark zu verbreiten, dass weitere Ansteckungen wahrscheinlich sind. Eine natürliche Übertragung von Mensch zu Mensch gilt als sehr unwahrscheinlich. Es gab allerdings 2016 Fälle, in denen Menschen durch eine Organspende infiziert wurden.
"Nach bisherigem Kenntnisstand muss man davon ausgehen, dass infektiöse Kontakte sehr selten und schicksalhaft und dadurch wahrscheinlich schwer zu verhindern sind", heißt es in einem gemeinsamen Factsheet des Robert-Koch-Instituts, des Bernhard-Nocht-Instituts und des Friedrich-Loeffler-Instituts in Deutschland. Eine Impfung gibt es derzeit nicht. Das Risiko kann daher nur durch das Vermeiden von Kontakt mit Spitzmäusen und deren Ausscheidungen gesenkt werden.