Die Weltwirtschaft steht nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds vor mehreren Belastungen gleichzeitig. IWF-Chefin Kristalina Georgiewa warnte am Mittwoch in Singapur vor den Folgen hoher Energiepreise, steigender Staatsschulden und möglicher Verwerfungen durch den Boom bei Künstlicher Intelligenz. Die Situation werde durch zwei gegenläufige Kräfte geprägt: Die Konflikte im Nahen Osten sorgen für einen negativen Schock auf der Angebotsseite, während die hohen Investitionen in KI die Nachfrage ankurbeln.
Besonders die Energiepreise bereiten dem IWF Sorgen. Der Ölpreis liegt laut Georgiewa bei rund 100 Dollar pro Barrel. Gleichzeitig sorgen begrenzte Raffineriekapazitäten dafür, dass sich etwa Diesel weiter verteuert. Die angespannte Lage rund um die Straße von Hormus erschwert zudem den Transport von Öl und Gas. Selbst wenn die Konflikte im Nahen Osten rasch beendet würden, dürften die Energiepreise nach Einschätzung der IWF-Chefin noch einige Zeit erhöht bleiben.
Die Folgen reichen laut IWF weit über die Zapfsäule hinaus. Höhere Energiekosten können die Inflation antreiben und gleichzeitig die Renditen von Staatsanleihen erhöhen. Damit steigen auch die Finanzierungskosten für Staaten und Unternehmen. Der IWF verweist darauf, dass die langfristigen Anleiherenditen in mehreren großen Volkswirtschaften bereits deutlich gestiegen sind.
Ein weiteres Problem sieht Georgiewa in der weltweit hohen Staatsverschuldung. Der IWF rechnet damit, dass die globale öffentliche Verschuldung spätestens 2029 die Marke von 100 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung überschreiten wird. Besonders die Industriestaaten tragen zu dieser Entwicklung bei, allen voran die USA. Georgiewa fordert deshalb glaubwürdige Pläne, um die öffentlichen Haushalte langfristig zu stabilisieren.
Die Notenbanken sollten dabei nicht einspringen, um Probleme der Finanzpolitik auszugleichen. Georgiewa warnte vor einem Vorgehen, bei dem die Geldpolitik dauerhaft zur Entlastung der Staaten eingesetzt wird. Höhere Schulden und steigende Zinsen könnten den Spielraum der Regierungen bei künftigen Krisen weiter einschränken.
Auch der rasante Ausbau von Künstlicher Intelligenz birgt laut IWF Risiken. Die enormen Investitionen treiben zwar die Nachfrage und könnten die Produktivität langfristig deutlich erhöhen.
Gleichzeitig warnt Georgiewa vor überhöhten Bewertungen von Unternehmen aus dem KI-Bereich. Sollten die erwarteten Gewinne oder Produktivitätsfortschritte ausbleiben, könnte eine starke Korrektur an den Finanzmärkten folgen.
Hinzu kommen mögliche Folgen für den Arbeitsmarkt und die Cybersicherheit. Der IWF sieht in KI aber nicht nur eine Gefahr. Richtig eingesetzt könne die Technologie das weltweite Wirtschaftswachstum langfristig zusätzlich antreiben. Georgiewa bezifferte den möglichen Effekt auf rund 0,5 Prozentpunkte pro Jahr. Frühere IWF-Analysen kommen je nach Zeitraum und Annahmen sogar auf eine mögliche Steigerung des globalen Wachstumspotenzials von bis zu 0,8 Prozentpunkten.
Wie stark die aktuelle Energiekrise die Prognosen verändert, wird sich in der kommenden Woche zeigen. Dann treffen sich IWF und Weltbank in Bangkok und veröffentlichen neue Einschätzungen zur Entwicklung der Weltwirtschaft. Im Juli hatte der IWF für 2026 noch ein globales Wachstum von 3,0 Prozent prognostiziert.