Streit zwischen Eltern und Kindern gehört zum Familienalltag – etwa über Schulnoten, Regeln oder Bildschirmzeiten. Manchmal eskalieren diese Konflikte jedoch über Worte hinaus. Eine neue Langzeitstudie aus der Schweiz zeigt nun, dass körperliche Aggression von Jugendlichen gegenüber ihren Eltern häufiger vorkommt als bisher angenommen.
Über Gewalt gegen Mütter und Väter wird allerdings selten gesprochen. Viele Betroffene schweigen aus Scham oder aus Angst, als schlechte Eltern zu gelten. In der Fachliteratur wird das Phänomen als "Youth-to-Parent Aggression" bezeichnet und gilt bislang als eines der am wenigsten erforschten Felder häuslicher Gewalt.
Ein Forschungsteam der Universität Zürich untersuchte erstmals systematisch, wie häufig körperliche Aggressionen von Jugendlichen gegenüber ihren Eltern auftreten. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal European Child & Adolescent Psychiatry veröffentlicht. Grundlage war das sogenannte z-proso-Projekt, eine Langzeitstudie, die mehr als 1.500 Personen von der frühen Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter begleitet hat.
Das Ergebnis: 32,5 Prozent der Befragten gaben an, zwischen dem 11. und 24. Lebensjahr mindestens einmal körperlich gegen einen Elternteil vorgegangen zu sein – etwa durch Schlagen, Treten oder das Werfen von Gegenständen.
Der Höhepunkt der Vorfälle lag laut Studie im Alter von 13 Jahren. In diesem Alter berichteten rund 15 Prozent der Jugendlichen von körperlicher Aggression gegenüber ihren Eltern. Danach nahm die Häufigkeit deutlich ab und stabilisierte sich im jungen Erwachsenenalter bei etwa fünf Prozent.
Studienautorin Lilly Shanahan betont jedoch, dass es sich meist um einzelne Vorfälle im Zuge eskalierender Konflikte während der Pubertät handele. "Es geht nicht um systematische Gewalt und auch nicht um ein individuelles Versagen der Eltern", so Shanahan.
Ob ähnliche Zahlen auch für Österreich gelten, ist unklar. Entsprechende systematische Studien fehlen. In der Kriminalstatistik wird Gewalt gegen Eltern meist allgemein unter "Gewalt in der Familie" geführt. Die Forschung zeigt jedoch, dass dieses Problem alle gesellschaftlichen Gruppen betreffen kann. Bildungsniveau oder sozioökonomischer Status hätten laut den Forschern keinen entscheidenden Einfluss. "Kind-Eltern-Aggressionen betreffen alle Gesellschaftsschichten gleichermaßen", sagt Erstautorin Laura Bechtiger.
Deutlich wichtiger sind andere Faktoren. Besonders stark steigt das Risiko, wenn Jugendliche körperliche Bestrafung oder verbale Aggression durch Eltern erleben. In solchen Fällen könne ein "Kreislauf der Gewalt" entstehen, bei dem konfliktbeladene Verhaltensmuster übernommen werden. Auch ein generell konfliktreiches Familienklima oder häufige Streitigkeiten zwischen den Eltern erhöhen laut Studie die Wahrscheinlichkeit körperlicher Auseinandersetzungen. Jugendliche mit ADHS-Symptomen sind ebenfalls stärker gefährdet, impulsiv zu reagieren und körperlich aggressiv zu werden.
Auffällig: Anders als bei vielen anderen Gewaltformen sind die Unterschiede zwischen Burschen und Mädchen relativ gering. Zwar berichten Jungen etwas häufiger von körperlicher Aggression, das Muster ist jedoch bei beiden Geschlechtern ähnlich.
Besonders alarmierend ist ein weiterer Befund der Studie: Wer bereits als Teenager gewalttätig gegenüber den Eltern wurde, hat ein deutlich höheres Risiko, dieses Verhalten zu wiederholen. Jugendliche, die mit 15 Jahren Gewalt gegen Eltern ausübten, hatten ein bis zu 13-fach höheres Risiko, dies mit 17 erneut zu tun. Wer mit 20 Jahren aggressiv wurde, hatte sogar eine fast 18-fach höhere Wahrscheinlichkeit, auch mit 24 noch gewalttätig zu sein. Das deutet darauf hin, dass einzelne Ausrutscher in manchen Fällen zu dauerhaften Verhaltensmustern werden können.
Die Studie zeigt aber auch, dass sich Gewalt verhindern lässt. Jugendliche, die lernen, mit negativen Emotionen umzugehen und Konflikte konstruktiv zu lösen, werden deutlich seltener handgreiflich. Ein unterstützendes Familienumfeld kann ebenfalls dazu beitragen, dass aggressive Ausbrüche Einzelfälle bleiben.
"Konflikte zwischen Eltern und Jugendlichen sind normal und wichtig für die Entwicklung", erklärt Denis Ribeaud, Ko-Direktor des z-proso-Projekts. Einzelne Ausrutscher seien kein Grund zur Panik – ein wiederkehrendes Muster körperlicher Gewalt jedoch schon.
Rat auf Draht – Hotline 147
Jugend- und Elternberatung (WIENXTRA)
Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Wien (MA 11)
Erziehungsberatung und Familienhilfe (Diakonie, Volkshilfe)
Fachleute empfehlen in solchen Fällen, frühzeitig Hilfe von außen zu suchen, etwa durch Beratungsstellen oder Familientherapie. Viele Familien scheuen diesen Schritt jedoch aus Angst vor gesellschaftlicher Bewertung oder rechtlichen Konsequenzen. Die Forscher sehen daher vor allem frühe Prävention als entscheidend: Eltern sollten auf körperliche Bestrafung verzichten und ein konstruktives Familienklima fördern. Gleichzeitig sollten Kinder möglichst früh lernen, Emotionen zu regulieren und Konflikte friedlich zu lösen.