Schockierende Studie

Jedes 4. Kind betroffen – Eltern schlagen noch immer zu

Trotz Gewaltverbot seit 35 Jahren: Klaps, Ohrfeige, Anschreien & digitales "Ruhigstellen" gehören in vielen Familien weiter zum Alltag.
Heute Life
18.11.2025, 12:21
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In Österreich werden Kinder noch immer geschlagen, angeschrien und eiskalt ignoriert – und viele finden das offenbar in Ordnung. Das zeigt eine aktuelle, repräsentative Gallup-Studie im Auftrag der Kinderschutzorganisation "die möwe" mit 1.000 Befragten ab 14 Jahren.

Demnach hat zudem mehr als jeder 4. in seiner Kindheit Gewalt erlebt – körperlich, psychisch, sexuell oder durch Vernachlässigung. Während Eltern beim Po-Klatscher oft "nicht so schlimm" sagen, warnen Expert:innen: Die seelischen Schäden bleiben ein Leben lang.

Gewaltverbot seit 35 Jahren – aber "Klaps auf den Po" weiter ok

Obwohl in Österreich Gewalt in der Erziehung seit 35 Jahren verboten ist, ist nur rund zwei Drittel der Meinung, dass eine gewaltfreie Erziehung die beste Form ist. Über 20 Prozent können sich "leichte körperliche Strafen" wie einen Klaps oder eine leichte Ohrfeige vorstellen. Und 14 Prozent sind ganz offen der Meinung, dass man manchmal auch drastische Mittel in der Erziehung einsetzen muss.

Zuletzt wurde die Umfrage 2020 durchgeführt. Aufgrund der hohen Medienpräsenz von erschreckenden Gewalt- und Missbrauchsfällen in den letzten Jahren waren die Erwartungen hoch, dass sich einiges im Bewusstsein der Bevölkerung geändert hat. Doch die Zahlen zeigen, dass es nach wie vor in einigen Bereichen viel zu tun gibt.

Hilfe & Prävention – Schutz vor Gewalt an Kindern

Gewalt an Kindern ist ein sensibles, aber wichtiges Thema. Prävention beginnt mit Aufklärung, Aufmerksamkeit und dem Wissen, wohin man sich im Ernstfall wenden kann. In Österreich gibt es zahlreiche Anlaufstellen, die Kindern, Eltern und Fachkräften vertraulich und professionell zur Seite stehen.

- Rat auf Draht (rund um die Uhr für Kinder & Jugendliche)
Tel: 147 (ohne Vorwahl, anonym & kostenlos)
Web: www.rataufdraht.at

- Kindernotruf der Kinder- und Jugendanwaltschaft
Tel: 0800 567 567
Web: www.kija.at

- Die Möwe – Kinderschutzzentren
Tel: 01 532 15 15
Web: www.die-moewe.at

- Verein "Sichere Orte für Kinder"
Web: www.sichere-orte.at

"Ein wirklich enttäuschendes Ergebnis", sagt Hedwig Wölfl, "die möwe"-Geschäftführerin. Sie fordert deutlich mehr Aufklärung und verpflichtende psychosoziale Beratungen schon in der Schwangerschaft und in der ersten Zeit mit dem Baby.

Schock-Zahlen - was Kinder ertragen müssen

Die Studie zeigt auch, wie tief Gewalt in österreichischen Familien sitzt: So gaben 27 Prozent der Befragten an, sie hätten als Kind körperliche Gewalt erlebt. Die betrifft deutlich mehr Ältere als Jüngere. Bei den über 64-Jährigen gaben 46 Prozent an, eine solche erlebt zu haben, bei den 14- bis 29-Jährigen waren es 10 Prozent.

17 Prozent der Befragten berichten zudem von psychischer Gewalt, 9 Prozent von Vernachlässigung und 4 Prozent von sexueller Gewalt.

Persönlich erlebte Erziehungsmaßnahmen
die möwe

Psychische Gewalt und digitale Verwahrlosung verharmlost

Besonders in Hinblick auf die unterschiedlichen Gewaltformen fällt auf, dass es scheinbar nach wie vor sehr unterschiedlichen Wissensstand und sehr differenzierende Meinung dazu gibt. Dass Beleidigen, Beschimpfen oder Niederbrüllen Gewalt ist, sehen viele – aber nicht alle. Rund ein Drittel erkennt auch Anschweigen oder Drohung mit Liebesentzug nicht als Gewalt.

Erstmals abgefragt wurden Szenarien der Vernachlässigung, wie die Vorstellung, dass ein Volksschulkind keine regelmäßigen Mahlzeiten bekommt und mehrmals die Woche bis spätabends allein gelassen wird. Das und dass Kinder nicht zur Schule oder Gleichaltrige treffen dürfen, weil Eltern sie "von Einflüssen fernhalten" wollen, erkennen nur etwas mehr als die Hälfte der Befragten als Gewalt.

„Hier finden sich Themen von Unwissenheit bis Überforderung auf Elternseite wieder.“

Extrem kritisch wird auch die digitale "Ruhigstellung" gesehen. Wenn Kinder stundenlang mit Handy oder Tablet beschäftigt werden, damit sie "leicht zu handhaben" sind, spreche man von Verhaltensweisen, die Bindung und Beziehungsfähigkeit dauerhaft schädigen, warnt Johanna Zimmerl, Bereichsleiterin der "möwe"-Kinderschutzzentren. "Hier finden sich Themen von Unwissenheit bis Überforderung auf Elternseite wieder, die nachhaltig und massiv Bindungsentwicklung und Beziehungsfähigkeit der Kinder beeinträchtigen."

Sexuelle Gewalt – Nacktbaden sorgt für Verwirrung

Ebenfalls in Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien stehen neue Formen von Gewalt, die in der Studie erstmals abgefragt wurden. Immerhin ordneten 88 Prozent der Befragten das unerwünschte Versenden oder ins Netz stellen von Nacktfotos durch andere Jugendliche als sexuelle Gewalt ein.

Während eindeutige sexuelle Handlungen mit Kindern oder das Zeigen von pornografischen Materialien klar zugeordnet werden, sind erstaunlicherweise immer mehr Menschen der Meinung, dass die Aufklärung eines 4-jährigen Kindes oder das gemeinsame Bad von Eltern und jungen Kindern ebenso als sexuelle Gewalt einzuordnen ist.

Begrifflichkeit von Gewalt an Kindern.
die Möwe

Zimmerl warnt: Hier brauche es viel mehr seriöse sexualpädagogische Aufklärung, damit Kinder eine gesunde Selbstwahrnehmung und ein Bewusstsein für eigene Grenzen entwickeln – als Schutzfaktor gegen echte Übergriffe.

Trotz Verdacht schweigen viele

Auf die Frage, ob sie schon einmal den Verdacht hatten, dass ein Kind durch Gewalt gefährdet ist, antworteten 17 Prozent mit Ja. Dieser Wert ist in den letzten Jahren zwar angestiegen, doch geben 20 Prozent davon an, dass sie trotzdem nichts unternommen haben und ihr Wissen für sich behalten haben.

„Erwachsene tragen die Verantwortung für den Schutz von Kindern.“

Wölfl appelliert eindringlich: "Erwachsene tragen die Verantwortung für den Schutz von Kindern." Niemand wolle zu Unrecht jemanden beschuldigen, daher sei es wichtig, sich an Kinderschutzzentren zu wenden, um gemeinsam mit Expert:innen die Lage zu bewerten.

Prävention statt härteren Strafen

Nach härteren Strafen oder Zwangstherapie von Tätern rufen nach wie vor ein Großteil der befragten Menschen, während die von Expert*innen empfohlenen präventiven und aufklärenden Maßnahmen deutlich schlechtere Werte erzielen. Auch hier gilt es weiter zu informieren und auch politisch Einfluss zu nehmen. "Gerade bei medial bekannten Fällen erleben wir eine starke Polarisierung, die weder für die Sache noch für die Betroffenen hilfreich ist", meint Sabine Völkl-Kernstock "als Expert*innen wissen wir, dass der wirksamste Kinderschutz die Prävention ist, die bereits ab dem Kleinkindalter im pädagogischen Kontext, insbesondere durch die Erziehung der Eltern und deren Vorbildwirkung vermittelt werden soll."

Dabei ist es wichtig, dass Kinder lernen, gut auf sich zu achten und eigene Grenzen zu erkennen, aber ebenso lernen, sorgfältig und anständig mit anderen Menschen umzugehen und deren Grenzen zu respektieren. "Zu erwähnen ist dabei auch, dass Fehlverhalten passiert und wenn dem so ist, benötigt es eine entsprechende Konsequenz, im Sinne einer Wiedergutmachung," meint sie. "Also was muss ich tun, damit ich meinen Fehler einsehe und der Person oder der Sache, der ich geschadet habe, eine wieder besser machende Handlung entgegensetze."

{title && {title} } red, {title && {title} } 18.11.2025, 12:21
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