"Ein Mann weint nicht" oder "Reiß dich zusammen": Schon als Buben hören viele Sätze, die sich tief einprägen. Diese frühen Botschaften an Buben prägen oft das spätere Verhalten im Erwachsenenalter.
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, sind es nicht selten Männer, die meinen, "funktionieren" zu müssen – ohne sich etwas anmerken zu lassen. Im Beruf, in der Familie, im Freundeskreis. Gefühle zu zeigen, so die unausgesprochene Regel, gilt als Schwäche.
Wie Petra Kozisnik, Geschäftsführerin des Landesverbandes Hospiz NÖ, erklärt, tragen viele Männer ein gesellschaftlich vermitteltes Rollenbild in sich, das sie daran hindert, über ihren Schmerz zu sprechen.
Dabei zeigt gerade die Praxis der Trauerbegleitung: Der Bedarf ist riesig. Viele Männer wünschen sich einen geschützten Rahmen, in dem sie sagen dürfen, wie es ihnen wirklich geht. Ohne dabei bewertet oder belächelt zu werden.
Vor allem in Gemeinschaften wie Sportvereinen, Einsatzorganisationen oder Arbeitsteams kann ein erster Schritt besonders wertvoll sein. Wenn einer beginnt zu reden, schweigen die anderen meist nicht mehr lange. Aus Zurückhaltung wird Mitgefühl, aus Tränen wird Mut. Gemeinsame Rituale können in solchen Momenten zur Stütze werden, die weit über den Tag hinaus Kraft spendet.
Manchmal reicht ein kleines Ritual, um dem Schmerz eine Form zu geben: eine Kerze anzünden, Gedanken aufschreiben, ein Foto betrachten, bewusst an gemeinsame Zeiten zurückdenken oder einen Lieblingsort aufsuchen.
Gerade Männer zeigen ihre Trauer häufig körperlich – durch Bewegung, handwerkliche Tätigkeiten, gemeinsames Tun. Auch darin steckt ein Raum für Ausdruck. Wichtig ist nur, dass alles seinen Platz haben darf.
Wer versucht, stark zu sein, funktioniert oft nur nach außen, während innerlich ein hoher Druck entsteht. Wird dieser Schmerz nicht benannt, kann er sich in psychosomatischen Beschwerden wie dauerhaften Magen-Darm-Beschwerden, Herzrasen, Schlafstörungen oder Muskelverspannungen äußern.
Auch psychische Erkrankungen treten häufiger auf: Unverarbeitete Trauer kann in eine Depression, eine Anpassungsstörung oder Angstzustände übergehen, oft begleitet von einem Gefühl der inneren Leere oder dem Verlust der Lebensfreude. Manche greifen zu Alkohol oder Medikamenten oder stürzen sich exzessiv in Arbeit oder Sport, um den Schmerz zu überdecken – Strategien, die kurzfristig entlasten, langfristig aber die Belastung verstärken.
Selbst körperliche Erkrankungen können zunehmen, da anhaltender Stress das Immunsystem schwächt und den Körper anfälliger für Entzündungen, Infekte oder Herzprobleme macht.
Der Landesverband Hospiz NÖ betont, dass es keine "typisch männliche" oder "typisch weibliche" Trauer gibt. Vielmehr sind es persönliche Prägungen und Lebenserfahrungen, die bestimmen, wie jemand mit einem Verlust umgeht.
Der Internationale Männertag am 19. November erinnert daran, wie wichtig es ist, alle Menschen in schwierigen Lebensphasen zu unterstützen.
In Niederösterreich gibt es ein breites "Trauerangebot": Einzelbegleitungen, Trauergruppen, Gesprächsmöglichkeiten sowie spezielle Unterstützung für Vereine, Firmen und Institutionen nach plötzlichen Todesfällen. Geschulte Personen stehen mit Zeit, Empathie und Fachwissen zur Seite.