Ein Video, Tausende erboste Kommentare und ein politisches Erdbeben mitten im Sommerloch: Bei einer Publikumsdiskussion im Rahmen seiner Sommertour in Salzburg brachte eine einfache Frage das Fass zum Überlaufen. Auf die Frage, ob ihm bewusst sei, dass die österreichische Wirtschaft ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen zusammenbrechen würde, konterte Kanzler Christian Stocker (ÖVP): Kinderbetreuung sei für ihn "keine unbezahlte Arbeit". Aus seiner Sicht sei eine Familie "nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen".
Wenn man Familien als "Business-Case" begreife, dann sei das ein anderes Familienbild, das er habe, hieß es. Innerhalb weniger Stunden ging der Mitschnitt im Netz viral. Das Video wurde millionenfach geklickt, die Wut der Eltern entlud sich in den Kommentaren. "Sie ist ein Schlag ins Gesicht aller Mütter. Ich glaube, jede Mutter weiß, wie viel Arbeit Kinderbetreuung ist. Es ist ein 24 Stunden und schob 7 Tage die Woche", wetterte die Opposition.
Dass die Debatte an einem wunden Punkt rührt, belegen die harten Fakten, wie die "ZIB2" am Freitagabend aufzeigte. Bereits in den 1970ern wurde berechnet, dass private Haus- und Erziehungsarbeit knapp 40 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht – umgelegt auf das BIP des Jahres 2025 wären das knapp 200 Milliarden Euro. Laut Statistik Austria erledigen Frauen durchschnittlich rund zwei Drittel der Kinderbetreuung, Männer übernehmen ein Drittel.
Selbst in der ÖVP bröckelte die Front sofort. Familienministerin Claudia Bauer versuchte sichtlich bemüht, zu beschwichtigen: "Kinder sind selbstverständlich eine Arbeit. Sie sind eine Heidenarbeit, aber es ist kein Job im herkömmlichen Sinn." Zur Mittagszeit zog Stocker schließlich selbst die Reißleine und entschuldigte sich öffentlich: "Natürlich ist dieser Satz falsch. Bei jenen, die ich damit verletzt oder beleidigt habe, die sich dadurch nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich aufrecht."
In der "ZIB2"-Studio-Diskussion analysierten Katharina Mittelstaedt ("Die Zeit") und Johanna Hager ("Kurier") die politischen Trümmer des Sagers. Das Urteil der Journalistinnen fiel vernichtend aus. Mittelstaedt attestierte, dass der Kanzler "das Familienbild der VP mit dieser Aussage nicht ins 21. Jahrhundert katapultiert" habe. Die Realität vieler Österreicherinnen sehe völlig anders aus: "Ich fürchte nur, dass für viele Menschen in Österreich Familienplanung bisher wohl ungewollt ein Business Case ist, nämlich insbesondere für Frauen."
Hager betonte wiederum, dass die Interpretation von Familienpolitik bei Stocker nicht neu sei. Neu sei lediglich die konkrete Aussage zur unbezahlten Arbeit: "Er ist mit dieser Meinung scheint es allein." Das scheine auch in seiner eigenen Partei so zu sein. Zudem gebe es aus den Bundesländern ganz andere Wortmeldungen, weshalb sich die Volkspartei innerhalb ihrer eigenen Gremien überlegen müsse, für welches Wertebild und Familienbild sie stehe.
Ein Lob gab es für die Entschuldigung – aber das Umfragetief der ÖVP droht sich zu verschärfen. Bei aktuellen Umfragewerten der ÖVP von unter 20 Prozent sei die Affäre denkbar ungünstig, so Hager: "Es ist leider eine zu viel, also diese Negativ-Schlagzeilen, die Sie gerade genannt haben. Das wird sich verfestigen." Der Grund: "Es betrifft einfach so wahnsinnig viele Menschen in Österreich und nicht nur in Österreich, und jeder hat dazu eine Meinung."
Immerhin rechnete Mittelstaedt dem Bundeskanzler seine Reaktion positiv an. Es gebe keine ausgeprägte Entschuldigungskultur in Österreich, und die klassische Politiker-Entschuldigung laute meist: "Es tut mir leid, wenn Sie mich missverstanden haben". Stocker hingegen habe sich hingestellt und ganz klar gesagt, dass das, was er gesagt habe, falsch war.
Trotz der Kanzler-Entschuldigung ist der Ärger nicht verflogen. Frauenorganisationen lassen nicht locker und haben bereits Proteste angekündigt: Für kommenden Montag rufen sie zum Streik direkt vor dem Bundeskanzleramt auf.