Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) tourt derzeit durch Österreich und stellt sich dabei den Fragen der Bevölkerung. Bei seinem Stopp in Salzburg sorgte ausgerechnet eine Antwort zum Thema Kinderbetreuung für Aufsehen.
Am Donnerstag machte Stocker im Rahmen seiner Sommertour in der Stadt Salzburg Station. Rund 200 Zuhörer waren ins Hotel Pitter gekommen, um mit dem Kanzler über die Arbeit der Bundesregierung zu diskutieren.
Die Teilnehmer waren zuvor über ein Auswahlverfahren eingeladen worden. Wer Stocker persönlich eine Frage stellen wollte, musste im Vorfeld selbst zahlreiche Fragen beantworten. Vor allem die FPÖ hatte dieses Vorgehen scharf kritisiert.
Bei der Veranstaltung konnten sich die Besucher per Handzeichen melden, die angesprochenen Themen waren breit gefächert. Für Aufregung sorgte schließlich die Frage einer Frau zur Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung.
Sie sprach dabei die Belastung an, der vor allem viele Mütter ausgesetzt seien. "Ist Ihnen bewusst, von welchen Zahlen wir hier sprechen", wollte sie von Stocker wissen. "Frauen leisten im Schnitt 96 Stunden pro Woche unbezahlte Kinderbetreuungsarbeit – ohne Sonntagszuschlag, ohne Wochenende, ohne bezahlten Urlaub".
Immer mehr Frauen würden sich ihrer Ansicht nach bewusst gegen Kinder entscheiden, weil sie die Doppelbelastung durch Beruf und Betreuung nicht mehr bewältigen könnten.
Transkript der Aussagen des Kanzlers
Wörtlich sagte Stocker: "Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen. Familie ist nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen. Wenn wir Familien als Business Case sehen, wenn wir Familien als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe. Familie ist Verantwortung für einander, Familie ist Ja zueinander zu sagen, Familie ist etwas zu tun, ohne etwas dafür zu bekommen. Ich habe meine Kinder nicht erzogen als Rechenbeispiel."
Stellungnahme aus dem Kanzleramt
Von einem Pressesprecher des Kanzlers hieß es: "Der Bundeskanzler hat mit seinen Aussagen keinesfalls infrage stellen wollen, dass Kinderbetreuung extrem viel Arbeit ist. Besonders Frauen, die in vielen Familien den Großteil der Kinderziehung übernehmen, leisten Großartiges. Man soll Kinder nicht als Rechenbeispiel begreifen, sondern als das Glück, was sie sind. Kinder zu haben, ist etwas Schönes."
Stockers Antwort darauf sorgte für Aufsehen. "Ich würde Kinderbetreuung nicht als Arbeit sehen, sage ich Ihnen ganz ehrlich", erklärte der Bundeskanzler. Man müsse in dieser Frage allerdings nicht derselben Meinung sein.
Stocker legte anschließend nach: "Familie ist nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen. Wenn wir Familien als 'Business Case' sehen, wenn wir Familien als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe".
Für den ÖVP-Chef bedeutet Familie, Verantwortung füreinander zu übernehmen und füreinander da zu sein, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. "Ich habe meine Kinder nicht erzogen als Rechenbeispiel."
Kritik an den Aussagen kam noch am Donnerstagabend von Grünen-Klubobfrau Leonore Gewessler. Auf Bluesky wandte sie sich direkt an Stocker: "Herr Bundeskanzler, Mamas lieben. Mamas arbeiten. Mamas kümmern. Mamas arbeiten. Mamas stemmen Unglaubliches. Mamas arbeiten. Mamas halten dieses Land am Laufen. Mamas arbeiten. Unbezahlt. Sie verdienen keine Verhöhnung. Sondern eine Entschuldigung."
Auch die Neos kontern die Aussagen scharf. "Kinderbetreuung ist natürlich Arbeit – eine schöne, enorm verantwortungsvolle und ja, oft auch harte Arbeit", so Neos-Familiensprecherin Gertraud Auinger-Oberzaucher. "Es sind nach wie vor überwiegend Frauen, die diese Care-Arbeit stemmen und tagtäglich einen unfassbaren Spagat hinlegen müssen, um Familie und Job unter einen Hut zu bringen – denn bei der Beteiligung von Vätern an Karenz und Kinderbetreuung bleibt Österreich noch immer deutlich hinter seinen Möglichkeiten zurück."
Auinger-Oberzaucher betont, dass nur jemand, der anerkennt, "dass Care-Arbeit selbstverständlich Arbeit" ist, auch an einer gerechteren Aufteilung arbeiten kann.
FPÖ-Chef Herbert Kickl kritisiert den Sager ebenfalls scharf: "Diese ÖVP ist völlig empathielos, familienfeindlich und Lichtjahre von der Lebensrealität der eigenen Bevölkerung entfernt. Wer die aufopferungsvolle Leistung von Müttern als reine Privatsache abtut, der hat jeden Bezug zum Volk verloren!"