Für viele Frauen endet die finanzielle Benachteiligung nicht mit dem Berufsleben – sie setzt sich bis ins hohe Alter fort. Wie neue Berechnungen der Arbeiterkammer (AK) zeigen, erhalten Frauen in Österreich durchschnittlich um 39,4 Prozent weniger Pension als Männer. Im EU-Vergleich ist das der zweitschlechteste Wert – nur in Malta ist die Pensionslücke noch größer.
Ein Maßstab dafür ist der sogenannte Equal Pension Day, der heuer auf den 9. August fällt. Er soll verdeutlichen, wie groß die Unterschiede sind: Bis zu diesem Tag haben Männer bereits jene Pensionssumme erhalten, für die Frauen das ganze Jahr benötigen.
Die Folgen sind gravierend. Laut AK gelten 28 Prozent der alleinstehenden Pensionistinnen als armutsgefährdet. Bei den Männern ist dieser Anteil mit 14 Prozent nur halb so hoch. Zudem sind zwei Drittel aller Bezieher der Ausgleichszulage Frauen.
"Diese massive Pensionslücke von fast 40 Prozent ist ein klarer Handlungsauftrag an die Politik", sagt AK-Präsidentin Renate Anderl. Statt über ein höheres gesetzliches Pensionsantrittsalter zu diskutieren, brauche es strukturelle Verbesserungen am Arbeitsmarkt.
Nach Ansicht der AK entsteht die Pensionslücke über Jahrzehnte hinweg bereits während des Erwerbslebens. 2024 lag der "Gender Pay Gap" in Österreich demnach bei 17,6 Prozent, was bedeutet, dass Frauen pro Stunde im Schnitt 17,6 Prozent weniger verdienen als Männer. Wer über ein ganzes Berufsleben hinweg deutlich geringere Stundenlöhne erhalte, könne, so die AK, am Ende auch keine gleichwertigen Pensionsansprüche aufbauen.
Verschärft werde dieses Problem durch Teilzeitarbeit. Viele Frauen müssten ihre Arbeitszeit deshalb reduzieren, weil Kinderbetreuung, Pflege und Haushalt in Österreich noch immer überwiegend auf ihren Schultern lasteten. Frauen kämen so im Schnitt auf 8,4 Jahre Erwerbslücken, Männer auf 5,6 Jahre.
Besonders drastisch zeigen sich die Folgen nach einer Familiengründung: Zwölf Jahre nach der Geburt eines Kindes liegt das Einkommen von Frauen noch immer durchschnittlich zehn Prozent unter dem Niveau von vor der Geburt, während Männer im selben Zeitraum ein Einkommensplus von 16 Prozent verzeichnen.
Wie teuer Frauen die Teilzeitarbeit im Alter zu stehen kommt, zeigt laut Analyse das Pensionskonto: Wer wegen Betreuungspflichten ein Arbeitsleben lang halbtags arbeitet und dementsprechend weniger verdient, erwirbt nur die Hälfte der Pensionsgutschriften. Die Pension falle dadurch so niedrig aus, dass sie oft nicht einmal den Richtsatz der Ausgleichszulage erreiche, heißt es in der Analyse.
Die langfristigen Folgen von Teilzeitarbeit wirkten laut AK schleichend, aber folgenschwer: Jedes Jahr Halbtagsarbeit koste rund ein Prozent der späteren Pension, jedes Jahr Erwerbspause verringere sie sogar um zwei Prozent.
"Wer schlechter bezahlt wird, wegen der Betreuung von Kindern oder der Pflege Angehöriger aus dem Job gedrängt wird, über Jahre nur in Teilzeit arbeiten kann und dadurch schlechtere Aufstiegschancen hat, baut zwangsläufig geringere Pensionsansprüche auf. Das führt zu einer fatalen Kumulation von Nachteilen", sagt Pia Zhang, stellvertretende Leiterin der Abteilung Sozialversicherung der AK Wien.
Mehr als ein Viertel der alleinstehenden Pensionistinnen sei deshalb armutsgefährdet. "Deshalb beginnt eine gerechte Frauenpension nicht beim Pensionsrecht, sondern bei fairen Löhnen, verlässlicher Kinderbetreuung und Pflege, guten Arbeitsbedingungen und einer gerechten Verteilung der Familienarbeit."
Scharfe Kritik übt die AK an der Diskussion über ein höheres gesetzliches Pensionsantrittsalter. Seit Jänner 2024 wird das Frauenpensionsalter schrittweise auf 65 Jahre angehoben – mit dem Ergebnis, dass die Arbeitslosenquote von Frauen zwischen 60 und 64 Jahren mittlerweile bei 7,2 Prozent liege. Ein immer späterer Pensionsantritt führe also nicht automatisch zu längerer Beschäftigung, sondern vielmehr direkt in die Erwerbslosigkeit.
Grund dafür sei, so die Arbeiterkammer in ihrer Analyse, eine "grassierende Altersdiskriminierung in vielen Unternehmen". Ältere Arbeitnehmerinnen würden oft aussortiert oder nach Jobverlust gar nicht erst wieder eingestellt. Was die AK auch ankreidet: Mehr als die Hälfte der Betriebe mit 20 oder mehr Mitarbeitern würden keine Frau über 60 beschäftigen.
Um diese Altersdiskriminierung zu stoppen, fordert die AK ein Pflicht-Monitoring samt Bonus-Malus-System. Künftig sollte jeder Betrieb ab 20 Beschäftigten jährlich darüber informiert werden, wie viele Ältere er im Vergleich zum eigenen Branchenschnitt beschäftigt. Unterschreite ein Unternehmen diese Zielvorgaben systematisch – etwa indem Frauen vor der Pension aussortiert werden –, solle es finanziell zur Kasse gebeten werden. Betriebe, die ihre Branchenziele erreichen, sollten hingegen belohnt werden.
"Die Debatte über ein immer höheres gesetzliches Antrittsalter geht an der Lebensrealität von Frauen vorbei und ist blanker Zynismus", sagt Zhang. "Die gesunde Lebenserwartung liegt bei Frauen mit 61 Jahren schon jetzt deutlich unter dem gesetzlichen Pensionsantrittsalter. Nach einem Leben voller harter Arbeit haben Frauen eine Pension in Gesundheit verdient und kein Weiterarbeiten bis zum Umfallen."
Einen zentralen Grund für die Pensionslücke sieht die AK in der ungleichen Verteilung von unbezahlter Arbeit, insbesondere bei der Kinderbetreuung. Eine partnerschaftliche Aufteilung sei in Österreich nach wie vor eher Ausnahme als Regel. Weil vielerorts ein ausreichendes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen fehle, bliebe Müttern oft nur der Wechsel in die Teilzeit – ein Kompromiss, der sich auf dem Pensionskonto räche.
Um diese Verluste teilweise aufzufangen, werden derzeit laut Arbeiterkammer Kindererziehungszeiten für die ersten vier Lebensjahre des Kindes gutgeschrieben. Dadurch erhöhe sich die monatliche Pension um 150,62 Euro. Die Phase intensiver Betreuung dauere aber, so die AK, wesentlich länger. Das Arbeitsrecht ermögliche Elternteilzeit bis zum 8. Geburtstag des Kindes – das Pensionsrecht bilde das jedoch nicht ab.
Die AK fordert deshalb, Kindererziehungszeiten künftig für acht statt wie bisher für vier Jahre anzurechnen. Im fünften und sechsten Lebensjahr sollen noch 66 Prozent der Beitragsgrundlage gutgeschrieben werden, im siebenten und achten Lebensjahr 33 Prozent. Dadurch würde die monatliche Pension für diese Zeiten um knapp 75 Euro auf insgesamt 225,17 Euro steigen. Über eine Pensionsbezugsdauer von 20 Jahren würde das einer Frau mit Kind rund 21.000 Euro zusätzlich bringen.
"Frauen wollen im Alter finanziell unabhängig sein", meint AK-Präsidentin Renate Anderl. Die bestehenden vier Jahre Kindererziehungszeit seien dafür ein enorm wichtiger und richtiger Baustein. Aber: "Wir sehen, dass der Weg zurück in die Vollzeit in der Realität länger dauert. Genau deshalb wollen wir diese Anrechnung auf acht Jahre ausbauen – als fairen Ausgleich für geleistete Sorgearbeit."
Oberstes Ziel müsse aber laut Anderl sein, dass Frauen rechtzeitig gegensteuern könnten. Dafür brauche es ein echtes "Halbe-Halbe" bei der Familienarbeit sowie Unternehmen, die Frauen einen raschen Wiedereinstieg ermöglichen. "Gleichzeitig ist es höchste Zeit, der Altersdiskriminierung am Arbeitsmarkt einen Riegel vorzuschieben und echte Lohntransparenz in den Betrieben durchzusetzen."
"Die Wirtschaft muss hier", so Anderl, "stärker in die Pflicht genommen werden, damit Frauen überhaupt eine Chance haben, fair bezahlt bis zur Pension zu arbeiten."