Ferien-Suchtfalle

Kinder verbringen 340 Stunden vor dem Bildschirm

In den Sommerferien steigt die Bildschirmzeit vieler Kinder massiv. Experten warnen vor problematischem Gaming- und Social-Media-Konsum.
Digital  Heute
16.07.2026, 19:34
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Sechs Wochen Sommerferien bedeuten für viele Kinder vor allem: mehr Zeit für Games, Videos und Social Media. Was für Familien nach entspannter Freizeit klingt, kann für Kinder mit problematischem Medienkonsum kritisch werden. Medienexperte Florian Buschmann, Gründer der Initiative "Offline Helden", warnt davor, dass der Wegfall von Schulalltag und festen Strukturen den digitalen Konsum massiv verstärken kann. Laut der aktuellen DAK-Mediensucht-Studie 2026 steigt die tägliche Bildschirmzeit an schulfreien Tagen deutlich an.

Werden Gaming, soziale Medien und Streaming zusammengerechnet, verbringen Kinder an freien Tagen rund 490 Minuten – mehr als acht Stunden – mit digitalen Angeboten. Auf die sechs Wochen Sommerferien hochgerechnet ergibt das etwa 340 Stunden Bildschirmzeit. Das entspricht mehr als 14 Tagen ohne Unterbrechung vor Displays. Der Grund für den starken Anstieg liegt laut Buschmann vor allem im fehlenden Alltagstakt. Während der Schulzeit sorgen Unterricht, Hausaufgaben, Termine und soziale Verpflichtungen automatisch für Grenzen.

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Schule als natürlicher Schutzfaktor

"Im Schuljahr wirkt der Wochentag wie ein Puffer. Fünf strukturierte Tage bremsen den Konsum, das Wochenende ist der Ausreißer. In den Ferien fällt dieser Puffer komplett weg", so der Experte. Digitale Angebote seien darauf ausgelegt, Nutzer möglichst lange zu halten. Spiele liefern neue Aufgaben, soziale Netzwerke bieten neue Inhalte und Streaming-Plattformen starten automatisch die nächste Folge. Für Kinder, denen alternative Beschäftigungen fehlen, kann der Bildschirm dadurch schnell zum Mittelpunkt des Tages werden.

Problematisch wird der Medienkonsum laut Buschmann dann, wenn reale Erlebnisse zunehmend verdrängt werden. Manche Kinder sagen Treffen mit Freunden ab, verzichten auf Sport oder verlieren das Interesse an Aktivitäten außerhalb der digitalen Welt. "Wir sehen Kinder, die Verabredungen absagen, den Ausflug verweigern oder das Training schwänzen – nicht aus Trotz, sondern weil sich die reale Welt irgendwann wie eine Unterbrechung des eigentlichen Lebens anfühlt, das online stattfindet", sagt Buschmann.

Eigene Erfahrungen mit Mediensucht

Schwierig sei die Situation für berufstätige Eltern. Während der Ferienzeit fehlt Familien eine durchgehende Betreuung. Smartphones, Tablets und Konsolen übernehmen dann die Rolle eines digitalen Babysitters. Buschmann kennt das Thema nicht nur aus Arbeit mit Familien und Jugendlichen, sondern aus eigener Erfahrung. Als Teenager war er von problematischem Medienkonsum betroffen. Nach eigenen Angaben hat er in mehr als 1.500 Workshops mit über 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern über digitale Medien gesprochen.

Seine eigene Geschichte habe ihm gezeigt, wie gefährlich gerade die Ferien sein können. "Meine Sucht ist nicht im Schulstress entstanden, sondern in den Lücken. Und kein Zeitraum hatte so große Lücken wie die Sommerferien", erzählt Buschmann. Während der Schulzeit habe der feste Rahmen noch geholfen, in den Ferien sei der Konsum dagegen immer weiter eskaliert. Eigentlich sollen die Sommerferien Kindern Zeit für Erholung, Bewegung und neue Erfahrungen geben. Ein dauerhaft verschobener Tagesrhythmus kann jedoch genau das Gegenteil bewirken.

Ferien sollen Erholung bringen – nicht Erschöpfung

Wer regelmäßig bis spät in die Nacht spielt oder Videos schaut und anschließend bis Mittag schläft, startet laut Buschmann nicht automatisch erholt in den neuen Tag. "Dauerberieselung ist das Gegenteil von Erholung", warnt der Experte. Viele Kinder würden nach den Ferien deshalb nicht entspannter, sondern erschöpfter zurück in den Alltag kommen. Komplette Verbote hält Buschmann aber für den falschen Weg. Ein sechswöchiges Handy- oder Gaming-Verbot könne Konflikte verstärken und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern belasten.

Stattdessen empfiehlt er klare Regeln und feste Abläufe. Besonders hilfreich sei es, Bildschirmzeiten nicht täglich neu auszuhandeln, sondern an bestimmte Tageszeiten zu koppeln. Ein Beispiel: Statt "Du darfst zwei Stunden spielen" könne eine Regel lauten: "Gaming gibt es nach dem Mittagessen, aber nicht davor." Dadurch werde weniger verhandelt und der Alltag leichter planbar. Ein weiterer wichtiger Punkt sei der Umgang mit Langeweile. Viele Eltern würden sofort versuchen, Leerlauf mit digitalen Angeboten zu füllen.

Klare Strukturen helfen durch die Ferien

Dabei sei Langeweile ein Entwicklungsraum, so Buschmann. Kinder lernen, eigene Ideen zu entwickeln, kreativ zu werden und sich zu beschäftigen. "Langeweile ist der Moment, in dem das Gehirn anfängt, selbst etwas zu erschaffen", sagt der Experte. Die Sommerferien selbst seien nicht das Problem, betont Buschmann. Entscheidend sei, wie Familien diese Zeit gestalten. Wiederkehrende Offline-Aktivitäten, feste Tagesabläufe und bewusst eingeplante Bildschirmzeiten können helfen, einen gesunden Umgang mit digitalen Medien zu fördern.

Seine Botschaft an Eltern: Nicht der Bildschirm allein entscheidet über problematischen Konsum – sondern fehlende Alternativen und fehlende Strukturen. Wer Kindern Raum für echte Erlebnisse gibt, schafft die Grundlage dafür, dass digitale Medien ihren Platz behalten, ohne den gesamten Alltag zu bestimmen.

{title && {title} } red, {title && {title} } 16.07.2026, 19:34