Die europäische Krähengrenze zieht sich durch Österreich – sie beginnt zwischen Wald- und Weinviertel, verläuft quer über Wien und die Ostalpen nach Graz und biegt dann südwestlich Richtung Triest ab. Westlich dieser Linie findest du die schwarzen Rabenkrähen, östlich davon die grauen Nebelkrähen. Obwohl sich beide Arten kaum genetisch unterscheiden, sieht das Federkleid unterschiedlich aus.
Das erklärt der Verhaltensbiologe und Krähenexperte Matthias Loretto von der Veterinärmedizinischen Universität Wien.
Beide Arten sind schon in der Eiszeit entstanden, doch die Gletscher der Alpen haben die Populationen getrennt. Die eine Gruppe ist nach Spanien ausgewichen, die andere weit nach Osteuropa. Dort haben sie überwintert und im Laufe der Zeit ein unterschiedlich gefärbtes Federkleid entwickelt.
„Nach der Eiszeit konnten sich die Krähen wieder ausbreiten und sind dann an dieser Linie wieder aufeinandergestoßen“Matthias LorettoVetmed, Wien
Heute zieht sich diese Grenzlinie von der Ostsee in Deutschland, südlich an Berlin und Westböhmen vorbei, bis nach Österreich. Dann folgt sie ungefähr dem Grenzverlauf zwischen Österreich und Italien, macht einen Bogen um den italienischen Norden und endet bei Nizza im Meer. In Skandinavien inklusive Dänemark findest du nur die Nebelkrähe, in Schottland gibt es beide Arten und in Irland wieder nur die Nebelkrähe.
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Rabenkrähen und Nebelkrähen bleiben lieber unter sich. "Sie haben wohl eine starke Präferenz in der Partnerwahl für die gleichen", sagt Loretto. Rabenkrähen suchen sich lieber andere Rabenkrähen, Nebelkrähen bleiben bei Nebelkrähen. Kommt es doch einmal zu einer "Mischehe", dann haben es die Nachkommen schwer, einen Partner zu finden, sagt Loretto weiter. Das dürfte auch der Grund sein, warum sich die beiden Arten über Jahrtausende nicht vermischt haben.
Warum die Krähengrenze trotzdem so stabil bleibt, ist laut dem Verhaltensbiologen noch kaum erforscht. In Zukunft will Loretto Krähen beider Arten mit Sendern ausstatten, um zu beobachten, wie sie sich in fremden Revieren verhalten. "Meine Vermutung ist: Wenn eine Nebelkrähe zufällig in ein Gebiet fliegt, wo es viele Rabenkrähen gibt, dreht sie früher oder später um, weil sie dort nicht den idealen Partner findet", sagt Loretto.