"Peter, kannst du mir mal helfen?" – Wenn ein Bub oder ein Mädel die Eltern beim Vornamen ruft, sorgt das oft für Stirnrunzeln. Für manche Familien ist das aber ganz normal. Die meisten Jungen bleiben bei Mama und Papa – aber eben nicht alle.
Wie man die eigenen Eltern anspricht, hat sich über die Generationen gewandelt. "Seit dem Mittelalter zeigt sich immer weniger Distanz in den Anredeformen der Eltern: Es hat sich von Autorität und Hierarchie zu freundschaftlicher Begleitung ins Leben entwickelt", erklärt Daniel Perrin, Professor für Angewandte Linguistik an der ZHAW.
"Zuerst hat das Duzen das Siezen abgelöst, in den letzten Jahrzehnten ist die kollegiale Anrede mit Vornamen dazugekommen", sagt er. Die klassischen Bezeichnungen wie Mutter und Vater hört man laut Perrin seltener. Dafür haben sich Formen wie Mama und Papa oder die Koseformen Mami und Papi im 20. Jahrhundert durchgesetzt.
Den Vornamen zu verwenden, kommt aber immer noch selten vor, das zeigt auch eine sprachwissenschaftliche Untersuchung der Universität Freiburg. Viele wechseln je nach Situation zwischen verschiedenen Formen. Insgesamt gibt es heute mehr sprachliche Vielfalt in Familien – das steht für den Wandel der Familienrollen.
Das Schweizer Portal "20 Minuten" wollte von der Generation Z und den Millennials wissen, ob sie ihre Eltern beim Vornamen ansprechen oder ob das für sie ein No-Go ist. Viele empfinden das als komisch oder sogar respektlos. Andere meinen, es hängt von der Kultur ab oder zeigt eine gewisse Distanz.
"Nennt man seine Eltern beim Vornamen, akzeptiert man irgendwie nicht, dass es die eigenen Eltern sind", meint Noa (23). Asra (20) sagt: "Nenne Eltern nie beim Vornamen – das hat mit Respekt zu tun." Gerade Mami und Papi, aber auch andere Begriffe wie Anne und Baba auf Türkisch, sind für viele die einzige richtige Anrede, berichten Edona (24) und Kübra (23).
Einige wenige sprechen ihre Eltern beim Vornamen an und sehen darin kein Problem. Für sie ist es einfach Gewohnheit – oft abgeschaut von älteren Geschwistern. "Das war teils eine bewusste Entscheidung meiner Eltern", sagt Silvio (33). Und Moritz (30) erzählt: "Ich habe es von meiner älteren Schwester übernommen. Ihre Begründung: Als ich zur Welt kam, waren es plötzlich nicht mehr nur ihre Eltern, sondern auch meine – also wechselte sie auf ihre Vornamen."
Manche wechseln je nach Elternteil, Beziehung oder Lebensabschnitt die Anrede. "Auf dem Handy habe ich sie als Mami gespeichert, wenn ich sie treffe, nenne ich ihren Namen", sagt Florian (32). Für ihn ist das eine Begegnung auf Augenhöhe, die sich mit der Zeit verändert hat.
Wie finden es Eltern, wenn sie beim Vornamen gerufen werden? "Lustigerweise spricht unsere Tochter mich als Papi an, unser Sohn als Dani", erzählt Professor Daniel Perrin. Beides löst gute Gefühle aus – aber andere. "Jeder Mann mit Kindern kann ein Papa sein. Gleichzeitig gibt es für meine Kinder nur einen Papa. Es ist eine Frage der Perspektive."