"Mit großer Sorge ..."

Prominente Ex-ORF-Stars fordern jetzt Reformen

Ehemalige ORF-Größen rechnen in einem offenen Brief mit Machtmissbrauch, Mobbing und politischem Einfluss ab.
Newsdesk Heute
09.05.2026, 22:46
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben

Die Skandale rund um den ORF ziehen immer weitere Kreise. Nach den öffentlichen Protesten aktiver Redakteure melden sich nun auch zahlreiche ehemalige Mitarbeiter zu Wort – darunter finden sich laut "Krone" bekannte Namen wie Paul Lendvai, Robert Stoppacher oder Gisela Hopfmüller. In einem offenen Brief an die Politik warnen sie eindringlich vor einem massiven Vertrauensverlust beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Die früheren ORF-Journalisten finden dabei ungewöhnlich klare Worte. "Mit großer Sorge beobachten wir, wie das Vertrauen in den ORF erschüttert worden ist. Wir hören von Machtmissbrauch und Mobbing, die ohne Konsequenzen bleiben. Von Frauen, die belästigt worden sind, oft ohne Konsequenzen", heißt es in dem Schreiben.

Der Brief richtet sich vor allem an die Parteien, die über den Stiftungsrat großen Einfluss auf den ORF haben. Die Unterzeichner kritisieren dabei offen politische Einmischung und fordern mehr Unabhängigkeit für den Sender. Wörtlich schreiben sie: "Der ORF darf kein Spielball der Parteien sein." Gleichzeitig erinnern sie die Politik daran, dass sie "die Pflicht" habe, "sich dort herauszuhalten, wo sie nichts mitzureden hat".

Brisant ist der Zeitpunkt des Appells: Bereits in rund vier Wochen, am 11. Juni, wird durch den Stiftungsrat eine neue ORF-Spitze gewählt. Genau deshalb sehen die ehemaligen Mitarbeiter jetzt dringenden Handlungsbedarf. Die Parteien müssten nun "ihre Verantwortung für den ORF wahrzunehmen".

Der offene Brief im Wortlaut:

"Wir haben jahrzehntelang im ORF gearbeitet, als Reporterinnen und Reporter, Korrespondentinnen und Korrespondenten, Sendungsverantwortliche, Chefredakteurinnen und Chefredakteure, Direktorinnen und Intendanten. Wir hatten das Privileg und die Ehre, das in einer Zeit zu tun, als der ORF von weiten Teilen der Bevölkerung großes Vertrauen genossen hat. Und sind sehr dankbar für diese Zeit und für das Vertrauen, das man uns geschenkt hat. Gerade deshalb können und wollen wir jetzt nicht schweigen.

Mit großer Sorge beobachten wir, wie das Vertrauen in den ORF erschüttert worden ist. Wir hören von Machtmissbrauch und Mobbing, die ohne Konsequenzen bleiben. Von Frauen, die belästigt worden sind, oft ohne Konsequenzen. Von Lobbyisten im Stiftungsrat, die nicht im Sinne des ORF und der Gebührenzahlerinnen und -zahler handeln, sondern für ihre Kundinnen und Kunden und damit für die eigene Gewinnmaximierung. Die Redaktion hat einigen Stiftungsräten bereits ihr Misstrauen ausgesprochen. Auch hier keine Konsequenzen. Wir erlauben uns daher, als ehemalige ORF-Journalistinnen und Journalisten, an die Politik zu appellieren, an die Parteien, die diese Aufsichtsräte eingesetzt hat, die in vier Wochen die Spitze des ORF wählen sollen, an jene Politikerinnen und Politiker, die für die rechtlichen Rahmenbedingungen im ORF zuständig sind, ihre Verantwortung für den ORF wahrzunehmen.

Wir haben Sorge um die Zukunft des ORF. Uns ist ganz klar: Der ORF war auch in unserer Zeit nicht perfekt. Auch wir haben für mehr Unabhängigkeit kämpfen müssen, uns gegen Interventionen gestellt. Und viele ORF-Frauen haben Verbesserungen in der Gleichstellung gegen Widerstände erst erstreiten müssen. Deswegen wollen wir den ORF-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch sagen: Wir wissen, was es heißt, wenn man, wie ihr, gegen Missstände aufstehen muss. Wir wollen euch wissen lassen: Wir stehen hinter euch.

Jedes Unternehmen, das so lange besteht, muss einen Erneuerungsprozess durchgehen. Es ist deutlich, dass der ORF jetzt einen Wandel braucht. Wir kennen den ORF. Es braucht jetzt eine Person an der Spitze, die den ORF reformieren kann, die weiß, welche Stärken er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, und wie man diese weiter zum Wohle der Bevölkerung einsetzt. Eine Führungskraft, die auch weiß, welche Schwächen er hat, also wo man ab Tag eins mutig reformieren muss. Das Haus muss von innen erneuert werden. Doch die Politik muss diesen Wandel ermöglichen. Der ORF darf kein Spielball der Parteien sein. Er ist demokratiepolitisch zu wichtig. Mit Blick auf die Vorgänge im Stiftungsrat ein dringender Appell: Der ORF gehört der Bevölkerung. Und sie wird durch die gewählten Parteien vertreten. Die Politik hat also das Recht, da einzugreifen, wo sie Verantwortung trägt und die Pflicht, sich dort heraushalten, wo sie nichts mitzureden hat. Wir haben Vertrauen, dass sie das eine von dem anderen unterscheiden kann."

Die Unterzeichner machen auch klar, dass aus ihrer Sicht ein einfacher Personalwechsel nicht ausreichen wird. "Es braucht jetzt eine Person an der Spitze, die den ORF reformieren kann", heißt es weiter. Gesucht werde eine Führungskraft, die sowohl die Stärken als auch die Schwächen des Hauses kenne und "ab Tag eins mutig reformieren" könne.

"Wir stehen hinter euch"

Der offene Brief ist auch ein deutliches Zeichen der Solidarität mit den aktuellen Mitarbeitern. Viele von ihnen hatten zuletzt intern und öffentlich Missstände kritisiert. Die ehemaligen ORF-Größen schreiben dazu: "Wir wollen euch wissen lassen: Wir stehen hinter euch."

Die aktuellen Turbulenzen beim ORF begannen mit dem Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann nach Vorwürfen sexueller Belästigung. Doch damit war die Affäre nicht beendet. Auch gegen ORF-III-Programmchef Peter Schöber gibt es schwere Vorwürfe rund um verbale Entgleisungen, Mobbing und Interventionen.

Zuletzt wurde außerdem bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Wien gegen ORF-Manager Pius Strobl wegen eines Anfangsverdachts ermittelt. Dabei geht es um hohe Pensionsansprüche, die verschleiert worden sein sollen. Ausgerechnet eine Anzeige von Weißmann brachte den Fall ins Rollen.

{title && {title} } red, {title && {title} } 09.05.2026, 22:46
Mehr zum Thema
Jetzt E-Paper lesen