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"Ist unsere Pflicht" – VdB-Ansage an alle Österreicher

Am 9. Mai, dem Europa-Tag, warnt Bundespräsident Van der Bellen vor Nationalismus und fordert mehr Unabhängigkeit für Europa.
Newsdesk Heute
09.05.2026, 17:09
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Mit einer leidenschaftlichen Rede hat Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Samstag  zum Europa-Tag ein starkes Bekenntnis zur Europäischen Union abgelegt. Er sprach über Frieden, Demokratie und die großen Herausforderungen der Zukunft – und fand dabei auch ungewöhnlich direkte Worte.

Gleich zu Beginn räumte Van der Bellen mit einem Klischee auf: "Europa ist 'a bissel' fad." Viele würden bei Europa vor allem an Handelsverträge, Zahlen und Bürokratie denken. Doch genau diese Stabilität sei wichtig. "Es ist gut, wenn unsere Wirtschaft auf verlässlichen, berechenbaren, vorhersagbaren Grundlagen beruht", sagte der Bundespräsident mit Blick auf internationale Krisen und wirtschaftliche Unsicherheiten.

Gleichzeitig erinnerte Van der Bellen daran, wofür Europa ursprünglich geschaffen wurde: Frieden. "Es ist entstanden aus der Liebe zum Frieden", sagte er. Seit 76 Jahren lebe Europa nun ohne Krieg zwischen den Mitgliedstaaten – "eine einzigartige Zivilisationsleistung".

Der Bundespräsident rief die Menschen dazu auf, stolz auf Europa zu sein. "Wenn das kein Grund ist, stolz zu sein? Wenn das kein Grund ist, Europa-Patriotismus zu empfinden?" Europa sei heute ein Ort, "um den uns viele, sehr viele Menschen beneiden".

Besonders deutlich wurde Van der Bellen bei Themen wie Demokratie, Menschenrechte und Nationalismus. Europa müsse seine liberalen Werte verteidigen und dürfe sich nicht abschotten. "Wenn man neue Mauern errichtet und alte Nationalismen wiederbelebt, löst man kein einziges Problem", warnte er. Europa sei "aus dem genauen Gegenteil von Nationalismus und Abgrenzung entstanden".

Auch die wirtschaftliche und technologische Zukunft Europas sprach der Bundespräsident an. Europa müsse unabhängiger werden – etwa bei Energie, Digitalisierung und Verteidigung. "Wir müssen unsere Köpfe nutzen – und wir haben sehr gute Köpfe – und handeln: Weitblickend. Mutig. Friedvoll. Konsequent. Gemeinschaftlich. Und ziemlich rasch!"

Mit Blick auf Künstliche Intelligenz und globale Technologiekonzerne stellte Van der Bellen die Rolle Europas besonders heraus. "Wer, wenn nicht die Europäische Union, wird die neuen Spielregeln mit Open AI, Claude, Grok, Meta, Google, Microsoft und Co vereinbaren?"

Zum Abschluss appellierte der Bundespräsident eindringlich an die Bevölkerung: "Lassen Sie uns da sein für Europa. Lassen Sie uns stolz sein auf Europa. Lassen Sie uns Europa mit Leidenschaft lieben."

Van der Bellens Rede im Wortlaut

Liebe Europäerinnen und Europäer und alle, die in Europa leben: Europa ist "a bissel" fad.

Viele glauben das zumindest. Vielleicht weil uns oft Handelsverträge, Zahlen, Formalitäten des gemeinsamen Wirtschaftsraums in den Sinn kommen, wenn wir an Europa denken.

Auch der Anlass des heutigen Europatages ist ja historisch gesehen die Zusammenlegung der westdeutschen und französischen Kohle- und Stahlproduktion, proklamiert am 9. Mai 1950 in der so genannten Schuman-Erklärung.

Das war die Grundlage für die Europäische Union, wie wir sie heute kennen. Unendlich bedeutend und wichtig. Und auch ein wenig ... fad. Aber was Wirtschafts- und Handelsbeziehungen betrifft, ist fad ja gut! Es ist gut, wenn unsere Wirtschaft auf verlässlichen, berechenbaren, vorhersagbaren Grundlagen beruht. Denn nur so ist Wohlstand möglich. Wir sehen gerade leidvoll, was Unberechenbarkeit und Chaos anrichten können. Ein Beweis, den wir uns gerne erspart hätten.

Aber, meine Damen und Herren, Europa ist auch aufregend: Es ist entstanden aus der Liebe zum Frieden. Statt gegeneinander Kriege zu führen wie die vielen Jahre und Jahrhunderte davor, haben wir uns für die Zusammenarbeit entschieden. Und für ein Leben in Freiheit, Wohlstand und – Frieden. Seit nunmehr genau 76 Jahren. Friede aus Einsicht. Das ist eine einzigartige Zivilisationsleistung.

Wenn das kein Grund ist, stolz zu sein? Wenn das kein Grund ist, Europa-Patriotismus zu empfinden? Seien wir ruhig stolz! Seien wir Europa-patriotisch!

Gemeinsam haben wir Europa zu einem Ort gemacht, um den uns viele, sehr viele Menschen beneiden. Wir sind eine Gemeinschaft, die zusammensteht, weil sie an die gleichen Werte glaubt und einen gemeinsamen Weg geht.

Den europäischen Weg: Einen Weg, der den Rechtsstaat ernst nimmt, denn er ist die Basis für unser friedliches und geordnetes Zusammenleben. Einen Weg, der die Freiheit des Menschen zur Selbstentfaltung und die Gleichberechtigung von Frau und Mann ernst nimmt.

Einen Weg der liberalen Demokratie! Der ihre Institutionen verteidigt und in dem auch die Medien eine wichtige, die Demokratie schützende Rolle spielen.

Einen Weg, der zwischen Interessen ausgleicht und niemand dem Hunger oder der Obdachlosigkeit preisgibt.

Einen Weg, der Heimat für viele ermöglicht, nicht nur für die, die Glück in der Geburtslotterie hatten.

Einen Weg, der uns bewusst macht, dass der Europäische Erfolg aus der Faszination für das Andere, das Neue, kommt. Nicht aus dem Ausschluss. Jeder Mensch, der diese Werte teilt, denkt im Grunde europäisch.

Meine Damen und Herren: Europa wird für uns da sein. Solange wir für unser Europa da sind. Es ist unsere Pflicht, diese europäischen Werte zu schätzen und zu schützen.

Wir müssen alles tun, um unabhängiger von der Willkür fremder Regierungen zu werden. Unabhängig in der Energieversorgung, unabhängig in der digitalen Welt.

Souverän auch in unserer Verteidigungsfähigkeit. Wir müssen unsere Köpfe nutzen – und wir haben sehr gute Köpfe – und handeln: Weitblickend. Mutig. Friedvoll. Konsequent. Gemeinschaftlich. Und ziemlich rasch!

Wir müssen alles tun, um Europa auch von innen zu schützen. Wenn man Menschenrechte in Frage stellt, wenn man alles Neue und Andere als "fremd" ablehnt, wenn man neue Mauern errichtet und alte Nationalismen wiederbelebt, löst man kein einziges Problem.

Im Gegenteil: Man schafft neue. Und Europa, so wie es in seinen hellsten Stunden leuchtet, ist aus dem genauen Gegenteil von Nationalismus und Abgrenzung entstanden. Es ist entstanden aus der Liebe zum Frieden, aus der Bereitschaft, zu lernen. Aus der Faszination für das Neue.

Meine Damen und Herren! Wenn wir für Europa da sind, wird Europa auch für uns da sein.

Alle großen Herausforderungen sind nur gemeinsam lösbar: seien es Flucht und Migration, Klimakrise und Energiepolitik, Arbeitslosigkeit und Armut, Krieg und Vertreibung, Gewalt und Terror.

Oder denken Sie an die digitale Transformation: wer, wenn nicht die Europäische Gemeinschaft, wird dafür sorgen können, dass die globalen Konzerne ihre Marktmacht nicht missbrauchen? Wer, wenn nicht die Europäische Union, wird die neuen Spielregeln mit Open AI, Claude, Grok, Meta, Google, Microsoft und Co vereinbaren?

Meine Damen und Herren, lassen Sie uns da sein für Europa. Lassen Sie uns stolz sein auf Europa. Lassen Sie uns Europa mit Leidenschaft lieben. Denn das vereinte Europa ist die beste Idee, die wir je hatten.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 09.05.2026, 17:13, 09.05.2026, 17:09
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