"Mit allem, was verfügbar ist"

Rattengift in Babybrei – jetzt ermittelt SOKO "Glas"

Tagelanges Schweigen über die Hintergründe des Giftanschlags hatte für Unsicherheit gesorgt. Jetzt bestätigt die Behörde erstmals eine Erpressung.
Christian Tomsits
20.04.2026, 21:58
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Mit Rattengift verseuchte Babynahrung mitsamt einem beispiellosen Produktrückruf sorgten seit Freitagnacht für Schlagzeilen, Konsumenten zitterten. Dennoch redeten die Behörden und auch das Unternehmen "aus ermittlungstaktischen Gründen" tagelang um den heißen Brei herum, wichtige Informationen gelangten so gar nicht oder nur unvollständig an die Öffentlichkeit.

Das in Deutschland zuständige Polizeipräsidium Oberbayern Nord und die Staatsanwaltschaft Ingolstadt hatten auf "Heute"-Anfrage eine Presseaussendung für Montag angekündigt. Offenbar nahm die Koordinierung mit höchsten Stellen jedoch viel Zeit in Anspruch. Am Nachmittag war es endlich soweit. Erstmals wurden Erpressungs-Ermittlungen bestätigt – die neu ins Leben gerufene Kripo-Gruppe "Glas", in der die stärksten Kräfte gebündelt wurden – soll sich nun auf die Jagd nach den Tätern machen – "mit allem, was verfügbar ist."

Die Meldung im Wortlaut:

Die Kriminalpolizei Ingolstadt führt unter Sachleitung der Staatsanwaltschaft Ingolstadt ein Verfahren wegen Verdachts der versuchten Erpressung zum Nachteil des in Pfaffenhofen an der Ilm ortsansässigen Babynahrungsmittelherstellers HiPP gegen Unbekannt. Unmittelbar nach Bekanntwerden einer E-Mail der mutmaßlichen Täter am 16.04.2026 bei der Polizei wurden unverzüglich alle erforderlichen Verständigungen, Abstimmungen und Maßnahmen im In- und Ausland getroffen. Im Rahmen dieser Ermittlungen wurden in den drei benachbarten Ländern Österreich, Tschechien und der Slowakei insgesamt fünf manipulierte Babynahrungsgläser festgestellt. Die Gläser wurden vor Verzehr sichergestellt. Ein manipuliertes Glas könnte in Österreich mutmaßlich noch im Umlauf sein. Laboruntersuchungen ergaben, dass die sichergestellten Gläser mit Rattengift versetzt worden waren. Die deutschen Ermittlungsbehörden stehen in kontinuierlichem engen Austausch mit dem Babynahrungshersteller HiPP und den Sicherheitsbehörden der betroffenen Länder. In Deutschland wurden keine mit Gift verunreinigten Gläser festgestellt. Wir bitten um Verständnis, dass zum jetzigen Zeitpunkt keine weiterführenden Informationen zum Ermittlungsfortgang bekannt gegeben werden können. Die Polizei weist vorsorglich darauf hin, dass bei Auffälligkeiten an den Babykostgläschen von einem Verzehr abgesehen und umgehend die am Auffindeort örtlich zuständige Polizei verständigt werden soll. Wir bitten dabei insbesondere beim Öffnen des Glases auf das sogenannte Knack-Geräusch zu achten. Sollte dieses fehlen, kann eine Beschädigung oder Manipulation vorliegen. Überprüfen Sie grundsätzlich den Geruch des Glasinhalts, ob dieser dem Gewohnten entspricht. Weiterhin darf darauf hingewiesen werden, dass die mutmaßlichen Täter an den manipulierten Gläsern am Boden einen weißen Aufkleber mit einer Markierung in Form eines roten Kreises angebracht haben. Zur Aufklärung des Sachverhalts wurde eine Ermittlungsgruppe "Glas" bei der Kriminalpolizei Ingolstadt eingerichtet.

Krisenkommunikation sorgt für Kritik

Durch Recherche der "Presse" kam ans Licht: Tatsächlich wurde der Hersteller HiPP von unbekannten Tätern per E-Mail vom 27. März (!) mit zweiwöchiger Frist um 2 Millionen Euro erpresst. Das Mail soll jedoch erst am 16. April aufgefallen sein, der Konzern zahlte die Forderung der Kriminellen nicht. Daher machte die Gruppierung – die Ermittlungen laufen – ihre Drohung wahr und schleuste vergiftete Gläser in Supermarktregale in Brünn (CZE), Dunajská Streda (SK) und Eisenstadt.

Dennoch wurde erst am Freitag um kurz vor Mitternacht ein Rückruf für alle HiPP-Babynahrungsgläser  "Gemüsegläschen Karotte mit Kartoffel" ausgeschickt, Manipulationsverdacht als Grund angeführt – die Gerüchteküche begann sofort zu brodeln. Und: Ein Kunde in Eisenstadt hatte bereits ein verseuchtes Glas mit einer kreisförmigen Markierung am Glasboden gekauft, ein Schnelltest auf Rattengift schlug an. Ein weiteres Glas sei im Umlauf, hieß es.

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