Syrien hat im Streit mit den kurdischen Kämpfern im Norden des Landes wieder eine Waffenruhe verkündet. Die mehrheitlich kurdischen Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) wollen sich laut eigenen Angaben daran halten. Ab dem Abend gelte "eine Waffenruhe für eine Dauer von vier Tagen" laut "der Vereinbarung zwischen dem syrischen Staat" und der SDF, teilte das syrische Verteidigungsministerium am Dienstagabend mit. Frühere Waffenruhen waren gescheitert.
Kurz davor gab die syrische Präsidentschaft bekannt, dass es eine Einigung mit den Kurden über die Region Hasakeh gibt. Die Armee werde nicht in die kurdischen Ortschaften dieser Gegend einmarschieren. Die Kurden hätten "ab Dienstagabend vier Tage Zeit", um einen Plan für die "friedliche Integration" der Provinz Hasakeh in den syrischen Staat vorzulegen, hieß es in einer Erklärung der Präsidentschaft.
Die SDF erklärte kurz nach der Bekanntgabe der syrischen Regierung: "Wir bekunden die uneingeschränkte Verpflichtung unserer Streitkräfte zu einer Waffenruhe. Wir werden keine militärischen Handlungen ausführen, solange unsere Streitkräfte nicht angegriffen werden."
Bereits am Sonntag hatte der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa, ein früherer Dschihadist, eine Einigung mit SDF-Chef Maslum Abdi verkündet. Diese sah neben einer Waffenruhe auch vor, dass die kurdische Verwaltung in Nord- und Nordostsyrien in die syrische Zentralregierung eingegliedert wird.
Trotz des Abkommens gab es aber am Montag wieder Gefechte zwischen der syrischen Armee und kurdischen Kräften. In der Stadt Raka, der früheren Hochburg der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien, berichtete ein AFP-Reporter von schwerem Beschuss.
Die kurdische Seite erklärte am Montag, die Gespräche zwischen al-Scharaa und Abdi seien "vollständig gescheitert". "Die einzige Forderung" der Zentralregierung sei die "bedingungslose Kapitulation" der Kurden, sagte ein Vertreter der autonomen kurdischen Verwaltung in Syrien. Die internationale Gemeinschaft forderte der Kurdenvertreter "dringend" auf, eine "feste und entschlossene Haltung" zu zeigen.
In den letzten Tagen haben syrische Regierungstruppen bei einer Offensive im Norden und Osten des Landes kurdische Kämpfer aus mehreren bisher von den Kurden gehaltenen Gebieten vertrieben, darunter zwei Stadtviertel der nordsyrischen Stadt Aleppo.
Durch das Abkommen wurde die syrische Armee am Montag in weiten Teilen Nord- und Nordostsyriens stationiert, aus denen sich die SDF davor zurückgezogen hatte, darunter die Region Hasakeh, das Herz der kurdischen Autonomiezone, sowie die angrenzenden Provinzen Raka und Deir Essor.
Wegen des Vormarschs der syrischen Armee musste sich die SDF nach eigenen Angaben aus dem berüchtigten Lager Al-Hol in Hasakeh zurückziehen, wo Familien des IS untergebracht sind. Die Streitkräfte hätten sich "aus dem Lager Al-Hol zurückziehen und sich in der Nähe von Städten im Norden Syriens neu positionieren müssen, die zunehmenden Risiken und Bedrohungen ausgesetzt sind", hieß es am Dienstag in einer SDF-Erklärung.
Der internationalen Gemeinschaft warfen die kurdisch geführten Kräfte "Gleichgültigkeit" gegenüber dem IS-Problem vor. Die SDF erklärte, die Welt habe es nicht geschafft, "ihrer Verantwortung bei der Bewältigung dieser ernsten Angelegenheit nachzukommen".
Die syrische Armee warf den kurdischen Kräften vor, das Dschihadisten-Lager aufgegeben zu haben, was die Kurden aber zunächst dementierten. Die Armee erklärte außerdem, sie werde in die kurdischen Gebiete gehen, "um sie zu sichern".
In Syrien sitzen tausende ehemalige Dschihadisten, darunter viele Ausländer, in sieben Gefängnissen. Al-Hol ist das größte Lager für Familien von IS-Kämpfern in der Gegend. Dort leben etwa 24.000 Menschen, darunter 15.000 Syrer sowie rund 6.300 ausländische Frauen und Kinder aus 42 Ländern.
Das Verteidigungsministerium der syrischen Übergangsregierung teilte mit, es sei "bereit, die Verantwortung für das Lager Al-Hol und die Gefängnisse" der Dschihadisten in der Region zu übernehmen. Das syrische Innenministerium kündigte an, nach dem Rückzug der SDF "in Abstimmung mit der internationalen Koalition die notwendigen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Sicherheit zu ergreifen".
Der US-Sonderbeauftragte für Syrien, Tom Barrack, erklärte am Dienstag, die einst in einer US-geführten Koalition gegen den IS kämpfende SDF habe seit dem Sieg über die Dschihadisten keine Daseinsberechtigung mehr. Die ursprüngliche Mission der SDF sei beendet, da "Damaskus nun bereit ist, die Verantwortung für die Sicherheit zu übernehmen, insbesondere für die Kontrolle der IS-Gefangenenlager", so Barrack am Dienstag im Onlinedienst X.