Beim Jahresforum der Tierschutzombudsstelle Wien waren sich Vortragende aus Forschung, Wirtschaft und Politik einig: Für viele Tierversuche gibt es bereits zuverlässige Alternativen ohne Tiere. Trotzdem kommt der Umstieg nur langsam voran. Gründe dafür sind fehlende Förderungen, festgefahrene Abläufe und Vorbehalte.
Rund 500.000 Tiere sterben in Österreich jedes Jahr im Zusammenhang mit Tierversuchen. Etwa 300.000 davon sind sogenannte Überschusstiere: Sie werden getötet, ohne jemals in einem Versuch eingesetzt worden zu sein.
Wie es in einer APA-OTS-Aussendung heißt, scheitern zudem 92 Prozent der Wirkstoffe, die Tierversuche bestanden haben, später bei der Prüfung am Menschen.
Unter dem Motto "Im Zweifel für das Tier" lud die Tierschutzombudsstelle Wien am 7. Oktober zum Jahresforum 2026 in die Urania. Die zentrale Frage lautete nicht, ob Tierversuche ersetzt werden können, sondern wie sich der Umstieg beschleunigen lässt. Tierschutzombudsfrau Eva Persy sagte, der Wechsel "macht so viel Sinn und ist besser für Mensch und Tier". Oft lägen die Hürden aber noch "in den Köpfen".
Tamara Zietek vom Verein Ärzte gegen Tierversuche verwies auf die geringe Aussagekraft von Tierversuchen für die Wirkung eines Arzneimittels beim Menschen. Die Biochemikerin wertete 60 Jahre Medikamentenentwicklung aus. Das Ergebnis: 92 Prozent der Wirkstoffe, die Tierversuche in der präklinischen Prüfung bestanden, scheiterten später beim Menschen. Auch im vergangenen Jahrzehnt habe sich dieser Wert nicht verbessert.
Anja Hellwig vom Berliner Biotech-Unternehmen TissUse, das sogenannte Organ-Chips herstellt, nannte Aspirin als Beispiel. Das Medikament würde heutige Tierversuche vor der klinischen Prüfung vermutlich nicht bestehen, weil es für Ratten tödlich ist. Menschen seien eben "keine 70-Kilo-Mäuse", zitierte Hellwig einen Forscher aus dem Film "Future Science – Das Ende der Tierversuche?", der am Vorabend des Forums gezeigt wurde. Aussagekräftiger seien Methoden, die mit menschlichen Zellen arbeiten.
New Approach Methodologies, kurz NAMs, bilden etwa menschliche Organe im Labor nach. Dazu zählt eine Mini-Leber auf einem Chip. Dass diese Methoden noch nicht praxistauglich genug seien, widerlegte Doris Wilflingseder, Professorin für Infektionskrankheiten am Ignaz-Semmelweis-Institut und an der Vetmeduni Wien. Zu Beginn der Corona-Pandemie gewann sie mit menschlichem Atemwegsgewebe wichtige Erkenntnisse – ohne Tierversuche. 2021 erhielt sie dafür den Staatspreis zur Förderung von Ersatzmethoden zum Tierversuch.
Warum sich verfügbare Alternativen trotzdem nicht rascher durchsetzen, hat laut Hellwig auch mit den Abläufen an Hochschulen zu tun: Dort werde häufig auf bewährte Verfahren zurückgegriffen. Wilflingseder sieht zudem Bedarf an mehr Fördermöglichkeiten. Auch in der Ausbildung brauche es Änderungen. Tierversuchskurse seien an medizinischen und veterinärmedizinischen Universitäten vielfach Standard, Lehrangebote zu Alternativen gebe es aber nicht überall in vergleichbarem Umfang.
Die Bundesregierung will das österreichische Tierversuchsgesetz überarbeiten. Eine entsprechende Novelle ist im Regierungsprogramm vorgesehen. Christian Berger aus dem Kabinett von Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner, der sie beim Forum vertrat, nannte die Verringerung der Zahl der Überschusstiere als eines der wichtigsten Ziele.
Die drei Grundsätze des Tierschutzes – Tierversuche ersetzen, ihre Zahl verringern und das Leid der Tiere begrenzen – seien nicht gleichrangig, betonte Berger: "Die oberste Priorität ist Replacement." Bei der Forschungsförderung sollten NAMs überall dort, wo es die Vorschriften erlauben, als erste Wahl gelten und nicht bloß als Alternative zu Tierversuchen.
Das Wissenschaftsministerium unterstützt die Weiterentwicklung und Verbreitung solcher Methoden auch auf europäischer Ebene. Die Europäische Kommission hat für den Europäischen Forschungsraum 2025 bis 2027 eine Initiative zu NAMs angestoßen. Österreich beteiligt sich daran.
Auch in Wien wird an tierfreien Methoden geforscht. Die Wirtschaftsagentur Wien investiert in Laborflächen und unterstützt Innovations- und Investitionsprojekte von Unternehmen. Eva Czernohorszky, Leiterin des Bereichs Life Sciences bei der Wirtschaftsagentur, verwies auf die wirtschaftliche Bedeutung der neuen Methoden.
Wiener Start-ups entwickeln Organoide, also im Labor gezüchtete Gewebestrukturen. An ihnen werden Wirkstoffe gegen Epilepsie oder Alzheimer getestet. Auch andere Unternehmen und Forschungseinrichtungen nutzen Organoide als Alternative zu Tierversuchen. Zwischen 2021 und 2024 wuchs die Zahl der Beschäftigten in Wiens Life-Sciences-Branche um acht Prozent. "Das gab es in keiner anderen Branche", sagte Czernohorszky.
Die Vortragenden sahen große Chancen für den Tierschutz, die Sicherheit von Patienten sowie den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Wien. Nun gehe es darum, den Einsatz tierfreier Methoden stärker voranzutreiben.