Die Erde kommt in Tirol einfach nicht zur Ruhe! Seit Wochen bebt es im Großraum Innsbruck und Hall immer wieder. Allein seit Anfang August wurden dort mehr als 300 Erdbeben registriert, 33 davon waren für die Bevölkerung spürbar. Doch wie ungewöhnlich ist diese Häufung wirklich? Und könnte die aktuelle Serie Vorbote eines verheerenden Großbebens sein?
Eine aktuelle Auswertung der GeoSphere Austria liefert jetzt Antworten. Demnach wurden in Tirol seit Jahresbeginn bereits rund 740 Erdbeben registriert, davon 408 seit dem 1. August. Damit ist Tirol derzeit mit Abstand das aktivste Erdbebengebiet Österreichs.
Besonders auffällig ist die Entwicklung der vergangenen Monate. Während in der ersten Jahreshälfte durchschnittlich 35 bis 45 Erdbeben pro Monat registriert wurden, waren es im August bereits 56. Im September schnellte die Zahl auf 241 hinauf. Und auch im Oktober ging es mit 116 registrierten Erdstößen in den ersten Tagen Schlag auf Schlag weiter.
Die meisten Beben waren allerdings so schwach, dass sie niemand bemerkte. Mehr als 85 Prozent erreichten nicht einmal eine Magnitude von 1,0. Nur sechs Erdbeben hatten eine Magnitude von mindestens 3,0.
Die beiden stärksten Erschütterungen der aktuellen Serie ereigneten sich am 26. September mit einer Magnitude von 3,8 und in der Nacht auf den 7. Oktober mit 3,7. Beide waren in der Umgebung deutlich zu spüren.
Das Besondere an der aktuellen Serie ist laut GeoSphere nicht die Stärke der einzelnen Erdbeben, sondern ihre Häufung innerhalb weniger Wochen. Allerdings zeigt ein Blick in die Vergangenheit: Solche Erdbebenschwärme sind in Tirol keineswegs einmalig.
Erst 2024 wurden im Raum Waidring und Pillerseetal insgesamt 363 Erdbeben registriert. 65 davon waren spürbar, das stärkste erreichte eine Magnitude von 3,9. Im Herbst 2010 bebte die Erde im Raum Wattens und Vomp sogar mehr als 420 Mal. Damals erreichte das stärkste Beben eine Magnitude von 4,0. Auch im Stubaital gab es 2017 mit 178 registrierten Erdstößen eine längere Serie.
Die aktuelle Häufung ist damit zwar bemerkenswert, aber kein beispielloses Ereignis. Vielmehr gehören solche Phasen zur natürlichen Erdbebenaktivität in den Alpen.
Dass Tirol auch von wesentlich stärkeren Erdbeben getroffen werden kann, zeigt ein dramatischer Blick in die Geschichte. Am 17. Juli 1670 erschütterte das historisch stärkste dokumentierte Erdbeben im Tiroler Inntal die Region rund um Hall und Innsbruck. Forscher schätzen seine Magnitude heute auf etwa 5,6.
Die Folgen waren verheerend: Zahlreiche Gebäude wurden schwer beschädigt, Kirchtürme stürzten ein. Mindestens neun Menschen kamen ums Leben. Das Beben erreichte die Intensitätsstufe VIII auf der zwölfteiligen Europäischen Makroseismischen Skala. Kurioserweise ist der 17. Juli der Gedenktag des als Patron gegen Erdbeben verehrten hl. Alexius.
Nur 19 Jahre später, am 22. Dezember 1689, folgte ein weiteres schweres Erdbeben mit einer geschätzten Magnitude von 5,4. Auch damals wurden Kirchen, Klöster und andere historische Gebäude schwer beschädigt.
Zum Vergleich: Das bisher stärkste Beben der aktuellen Serie erreichte eine Magnitude von 3,8. Das historische Erdbeben von 1670 setzte damit rechnerisch rund 500-mal so viel Energie frei.
Der Grund liegt tief unter den Alpen. Dort sorgen die Bewegungen der Adriatischen und der Eurasischen Erdplatte seit Millionen Jahren für gewaltige Spannungen in der Erdkruste. Diese entladen sich immer wieder in Form von Erdbeben.
Im Raum Innsbruck und Hall kommen die Erschütterungen derzeit aus einer durchschnittlichen Tiefe von nur rund sieben Kilometern. Das ist vergleichsweise oberflächennah und erklärt, warum selbst schwächere Beben deutlich wahrgenommen werden können.
Zusätzlich können die lockeren Gesteinsablagerungen im Inntal die Erschütterungen örtlich verstärken. Deshalb kann ein Erdbeben an manchen Orten wesentlich heftiger zu spüren sein als an anderen.
Die entscheidende Frage beantwortet die GeoSphere vorerst beruhigend. Aus der aktuellen Erdbebenserie gibt es keine Hinweise darauf, dass unmittelbar ein stärkeres Erdbeben bevorsteht.
Völlig ausschließen lässt sich ein kräftigerer Erdstoß allerdings nicht. Die Experten halten weitere stärkere Beben grundsätzlich für möglich, wenn auch für wenig wahrscheinlich. Auch lässt sich nicht vorhersagen, wie lange die aktuelle Serie noch andauern wird. Weitere spürbare Erschütterungen sind in den kommenden Tagen und Wochen jedenfalls möglich.